Nach(t)kritik

Sa, 16.09.2017
20:00 Uhr
Kabarett

Allah ist mit den Gläubigern

Veranstaltung: 
Künstler: 
Abdelkarim

Eine Woche vor der Bundestagswahl ist er endlich da, „der Marokkaner unseres Vertrauens“: Abdelkarim Zemhoute, kurz Abdelkarim. Entspricht exakt den Vorstellungen eines Alexander Gauland von der AfD, der neulich im Fernsehen meinte, es gebe „einzelne Muslime, die friedlich sind“ - doch Vorsicht, der Mann in der abgewetzten Russen-Lederjacke kann durchaus sehr, sehr böse gucken, da legen die Kids, die im Zug nach Duisburg eben noch über den kahlschädeligen „Dickfisch“ mit dem Salafisten-Bart gespottet haben, sogar ihre Smartphones weg und holen die Hausaufgabenhefte raus. „Staatsfreund Nr.1“ heißt folgerichtig das Programm, mit dem der gebürtige Bielefelder gerade die Republik unsicher macht – seine Methode der kabarettistischen Unterwanderung: Buh - gleich kommt der „Nafri“, der nordafrikanische Flüchtling, der „im Körper eines Grapschers gefangen ist“! Vorurteile und Klischees ins Absurde zu steigern und so gegen diejenigen zu kehren, die damit Ängste schüren, das ist gewiss nicht die schlechteste Strategie. In einer Zeit, da das Irrationale Konjunktur hat und Fremdenfeindlichkeit salonfähig wird, können Witze entwaffnend sein – wer wüsste das besser als jemand, der aktuell in Duisburg lebt und seine Stadt wie nebenbei als „Hauptstadt Rumäniens“ apostrophiert?

Beim bosco-Publikum konnte man miterleben, wie sich in die Begeisterung des „gediegenen Gauting“ (Abdelkarim) auch das erleichterte Lachen mischte, dass der große Mann auf der Bühne sich nicht doch noch als Terrorist entpuppte. „Der Vorteil an der Angst vor Muslimen? Am Bahnhof weiß ich ganz genau: Meinen Koffer klaut keiner!“, sieht der 36-jährige Gelegentlich-Böse-Gucker die Sache pragmatisch, „und wenn ich kurz weg gehe und wieder komme, ist der Bahnhof leer (weil geräumt) und der Koffer immer noch da.“ Abdelkarim spielt virtuos mit den Ängsten der Deutschen, denn der Sohn marokkanischer Eltern ist selber einer, von Geburt an. „Momentan ist es für Moslems schwer, einen Lkw zu mieten“, lässt er vom Stapel – und den erschrockenen Fuhrpark-Vermieter dazu stammeln: „Wir haben nur Fahrräder!“ Und er weiß genau, was man den Ur-Deutschen zumuten kann und was noch nicht: Den dunkelhäutigen Nachrichten-sprecher bringt die ARD erst zu nachtschlafener Zeit, und ein „Terror-Experte“ namens „Mahmoud Al-Mahmoud“, das gehe schon mal gar nicht, triezt er die Einheimischen. Herrlich, wie Abdelkarim mit der „German Angst“ Yoyo spielt!

Natürlich bleiben bei seiner Art der Integrationsbemühung auch immer wieder unvereinbare Parallelwelten übrig, die komplett aneinander vorbei reden, aber genau dieses realistische Element macht den Charme des „Staatsfreundes Nr.1“ aus. So empfiehlt er Sachbearbeitern beim „BamF“ oder in anderen Ämtern, die Sprache Goethes auch mal abzulegen und statt dessen Sätze zu üben wie: „Papiere dabei oder wie?“ Klinge ja fast schon Arabisch. Und fragt ein „fremd“ aussehender Mensch ohne Hauptverb nach dem richtigen Zug: „Diese Köln?“, dann sollte der um Integration bemühte Ur-Deutsche kein Referat halten, sondern freundlich den richtigen Weg weisen, genauso ohne Hauptverb: „Nein, diese Dortmund!“ Selbstverarschung hat Abdelkarim ebenfalls im Repertoire. Er gibt zu, dass er Kapern, Meerrettich und Schattenmorellen lange für Tiere gehalten hat. Erzählt, wie ein Imam die Verschuldeten seiner Gemeinde mit dem Satz aufschreckte: „Allah ist mit den Gläubigern“. Und sein fiktiver Freund „Ali“ aus Bielefeld fährt angeblich einen BMW mit nur zwei Felgen, und zwar rechts, „weil die Fußgänger nur diese Seite sehen können“. Ja, das Posen, das aufgepumpte Selbstbewusstsein der Migranten-Gruppen, das hat der Deutsche ja auch nicht so gerne. Im günstigsten Fall lächelt er drüber, und Abdelkarim hilft ihm dabei mit Entspannungsübungen. Er kommt, ähnlich wie der deutsch-türkische Kabarett-Kollege Django Asül, ab und zu auf seinen Vater zu sprechen: Der versteht als Marokkaner die hiesigen Tomaten-Preise ganz und gar nicht und stellt das 4 Euro pro Kilo teure Gemüse zu Hause auf den Tisch, um es lange anzustarren: Irgend was muss das Gemüse ja können, oder? Besonders schön ist auch die Story, in der der kleine Abdelkarim beim Sternsingen an deutschen Haustüren „Ungläubigenmusik“ gesungen hat und dafür am Ende nur drei Mandarinen erntete – Kommentar: „Da hätten wir ja gleich in Marokko bleiben können!“ Ach ja, der Feiertag "St.Martin" habe in seiner Kindheit im Ghetto "Kommstu Laterne" geheißen oder so.

Der Migrant ist halt schon da, und wir sind längst Einwanderungsland, liebe Leute: Er sieht manchmal zum Fürchten aus, aber er frisst bestimmt keine kleinen Kinder, weil er andere Sorgen hat. Er wird öfters Türsteher, „weil er gemerkt hat, er kommt eh nicht rein“. Aber er hat eine genial inkorrekte Strategie, wie man zum Beispiel die Kölner Silvesternacht ein für allemal verhindern könnte – am 31.12. mehr Homosexuelle zum Bahnhof! Denn: „Der schwule Mann ist der natürliche Feind des Antänzers.“ Sodom und Gomorrha in deutschen Landen. Da wird ein Alexander Gauland aber schlucken...

Thomas Lochte, 17.09.2017
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017