Nach(t)kritik

Mi, 13.12.2017
20.00 Uhr
Literatur

Aufbau und Zerstörung der Wirklichkeit

Künstler: 
Holzheimer Reihe "Ich und die Welt" (3)

„Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung“, sagt der österreichische Schriftsteller  und Dramatiker Thomas Bernhard, und so ein Satz klingt bei dem Büchner-Preisträger naturgemäß wie ein Manifest. Der 1989 gestorbene Bernhard war für Theaterbegeisterte der Siebziger und Achtziger, noch frühen Neunziger Jahre ein Held, man hatte „Wittgensteins Neffe“ im Bücherregal stehen, der eine oder die andere besaß ein abgegriffenes Suhrkamp Taschenbuch des „Stimmenimitator“, und selbstverständlich kannte jeder  die „ Auslöschung“.

Diesen im Jahr 1986 erschienenen Roman lässt Gerd Holzheimer im dritten Teil seiner Reihe „Ich und die Welt“ in einen Dialog mit Adalbert Stifters „Nachsommer“ treten - ermöglicht durch den fabelhaften Rezitator Christian Baumann. „Der Nachsommer“ erschien knapp 130 Jahre vor Bernhards Roman und knüpft an die seit Goethes „Wilhelm Meister“ bestehende literarische Gattung des Bildungsromans an: ein junger Mann, hier Heinrich Drendorf, zieht hinaus in die Welt, um die Wege seines biographischen Werdens mit dieser in Einklang zu bringen, um seinen Fußabdruck auf dieser zu hinterlassen. Dieser „Konstruktion einer erwünschten Wirklichkeit“ (Holzheimer) steht mit Thomas Bernhards Buch die Dekonstruktion einer nicht erwünschten Wirklichkeit gegenüber. „Auslöschung“ ist der Gegenentwurf zu „Der Nachsommer“: anstelle eines anvisierten gelingenden Lebensweges wird hier in Rückblick eine Biographie und der damit verbundene Ort erzählend ausgelöscht, aus der Erinnerung getilgt. Die Geschichte von einem, der sich nicht zurechtfindet in der Welt, ist der zeitgemäße Kontrapunkt zur Erzählung von einem, der hinauszieht, um im und am Lernen zu wachsen.

Beiden Erzählern gemeinsam ist ein übergenaues, akribisches Erzählen; ein Erzählen, das entschleunigt, zum Innehalten zwingt. So wird Thomas Bernhard zu einem Sohn Adalbert Stifters, freilich zu einem revoltierenden, die Gegenposition suchenden, sprachlich wie erzähltechnisch jedoch sehr nahem Sohn. Da fügt sich die biographische Randnotiz ganz logisch dazu: jene nämlich, dass Thomas Bernhard, der später gleich drei Vierkanthöfe erwarb, sich „im realen Leben eine Stiftersche Welt aufgebaut hat“ - so Gerd Holzheimer. In der Suche nach dem richtigen Platz in dieser Welt, nach dem eigenen Lebensort, steckt die Sehnsucht nach einer womöglich doch konstruierbaren Wirklichkeit. Und diese birgt naturgemäß in sich die Lust an deren Zerstörung. So ist „Auslöschung“ ein „Nachsommer“ mit anderen Vorzeichen, vor allem aber sind beide Romane exzellent gestaltete Beispiele dafür, das Wechselspiel von Ich und Welt literarisch zu gestalten, auszuloten. „Das Leben ist ein Prozess, den man verliert, was man auch tut und wer man auch ist“, lautet Bernhards Kommentar zu diesem Wechselspiel. Die Welt also ist stärker. Naturgemäß.

 
Sabine Zaplin, 13.12.2017
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017