Nach(t)kritik

Mi, 24.01.2018
20.00 Uhr
Klassik

Bach aus vier Jahrhunderten

Künstler: 
Lise de la Salle, Klavier
Bach und die Rezeption seiner Werke aus den anschließenden drei Jahrhunderten in ein Programm zu packen, ist schon ein großes Projekt, zumal mit Transkriptionen, Bearbeitungen und Annäherungen von Komponisten, die den Pianisten schon absolute technische Perfektion abverlangen. Aber Lise de la Salle ist keinesfalls im bosco angetreten, nur mit ihrem furiosen Perlen von Ebenmaß zu brillieren. Dazu ist sie allzu emotional bei der Sache und offenbar sehr sensibel gegenüber momentanen Befindlichkeiten. Gewisse Flüchtigkeiten in der ersten Konzerthälfte entstammten jedenfalls nicht etwa einem Unvermögen, wie die junge französische Pianistin mit Bravour auch bald eindrucksvoll beweisen sollte. Es war vielmehr die musikalische Ausprägung im Bach‘schen Sinne, aber auch darüber hinaus mit Parametern im Stile des jeweiligen Bearbeiters bzw. Komponisten, die in der Ausgestaltung bis in die Extremen dazu führten, bisweilen über eine Passage von nachrangiger Bedeutung großzügig hinweg zu huschen, zumal die gewählten Tempi bisweilen schon extrem ausfielen. Bereits im eröffnenden Italienischen Konzert BWV 971, der einzigen Originalliteratur von Bach, kamen die Rahmensätze ordentlich in Fahrt. De la Salle vermochte mächtig zuzupacken und eine satte Substanz aus dem Instrument herauszuholen. Aber sie konnte auch still und leise, wie etwa stellenweise bereits im Kopfsatz, vor allem aber im langsamen Mittelsatz, der sich beseelt zurücknahm und geistvoll sinnierte.
Betrachtet man das Gesamtwerk, ist Bachs Ausdrucksspektrum gewaltig. Es beginnt bei zarter, empfindsamer Lyrik und reicht bis in monumentale Klangarchitekturen von höchst virtuoser Diktion. Lise de la Salle scheute es nicht, sich innerhalb des einen Programms den vielen Ausprägungen auf engstem Raum zu stellen. Das warmtonig ausgesungene g-Moll-Siciliano der Flötensonate BWV 1031 stand dabei für die innigste Seite Bachs, originalgetreu vom legendären Pianisten Wilhelm Kempff transkribiert. Eingerahmt von zwei charakterstarken Werken, die sich Bach auf verschiedene Weise näherten. Zunächst Liszts Auslegung von Präludium und Fuge a-Moll BWV 543 für Orgel, die im Original wuchtige Klötze auftürmen. Poulenc hatte indes für den Sammelband „Hommage à J.S.Bach“ mit seinem „Valse Improvisation“ über das Motiv B-A-C-H einen Tanztaumel entfacht, der dem barocken Konzept mit Bach’schen Mitteln reicher harmonischer Modulation eine Tür ins 20. Jahrhundert weit aufstieß.
Das Motiv B-A-C-H scheint zu einer Auseinandersetzung mit dem Stil Bachs zu verpflichten. Das ist bei Liszt nicht anders. Wie auch Schumann schrieb Liszt eine Fantasie und Fuge über das Viertonmotiv für die Orgel, an der ihm ein Pedal mit dröhnenden Bässen zur Verfügung stand. De la Salle interpretierte die Übertragung aufs Klavier denn auch im Bewusstsein dieser instrumentalen Bestimmung und donnerte durchaus auch dementsprechend mächtige Basstöne hinein. Doch wie schon in Präludium und Fuge nicht ohne Liszts romantisches Klangkonzept voranzustellen, das den Bearbeitungen zweifelsohne zugrunde liegt.
Dass Bach keiner haushohen Orgel und keines großen Orchesters bedurfte, um monumentale Größe zu vermitteln, bewies die Bearbeitung der Ciaccona von Ferruccio Busoni. Als Schlusssatz der Partita BWV 1004 wird sie von einer Solovioline gespielt. Busoni, der wie kein anderer Komponist Bachs Musik durchdrungen hatte, verstand es, aus dieser kargen Besetzung ein Feuerwerk pianistischer Virtuosität und musikalischer Ausdrucksvielfalt zu entfachen, von Lise de la Salle trotzdem in eine schlüssige Form gegossen und tief beseelt exponiert.
Eine Entdeckung des Abends war gewiss Präludium und Fuge op. 46 von Albert Roussel. In den Jahren 1932-34 komponiert, verweist das Werk auf eine kühne Künstlerpersönlichkeit, die viel zu selten zu Wort kommt. Auch dies eine Komposition für den Sammelband „Hommage à J.S.Bach“. Und wie Poulenc ging Roussel nicht den Weg der Nachahmung als vielmehr der Annäherung mit zeitgemäßen Mitteln, die de la Salle entschlossen in ihrer spröden Schärfe ausspielte. Die stilistisch Singularität des Franzosen war aber im Grunde hier nur möglich eingerahmt von zwei Intermezzi von Thomas Enhco (geb. 1988), dem Jazzpianisten und –komponisten, den de la Salle explizit für ihr Bach-Projekt mit Kompositionsaufträgen bedachte. Bezugnehmend auf bestimmte Werke Bachs griff der Komponist insbesondere die eigentümlich monotone Poesie Bachs auf. Wohl der beste Weg, zwischen großen Werken zu bestehen und dennoch einen eigenen künstlerischen Reiz zu entwickeln. Das Konzept ging auf und begeisterte das Publikum bis in die beiden Zugaben.
Reinhard Palmer, 25.01.2018
Galerie 
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2018