Nach(t)kritik

Do, 08.02.2018
20:00 Uhr
Ausstellung
Sonstiges

Buchvorstellung

Künstler: 
Edwin Kunz
„Das Wasser blaute, mein Schatten ertrank. Ich hatte nur einen. Du gabst mir deinen. Dafür sei dir Dank“: Bei der Präsentation seines Bildbandes „Himmel Erde Seenland“ mit aktueller Foto-Ausstellung im bosco bietet Edwin Kunz ein fantastisches Gesamtkunstwerk.  Zu Gedichten des 2015 verstorbenen Dichters und Typographen Philipp Luidl aus Diessen am Ammersee stellt Edwin Kunz seine gelungenen Fotografien mit Impressionen vom Fünf-Seen-Land. Im oberen Foyer packt den Betrachter sofort das Schwarz-Weiß-Großformat in Acryl vom „Platzregen“ überm bewegten Starnberger See.  
Mit Schubert-Liedern aus der „Winterreise“ adelten Mezzosopranistin Belinda Kunz und Pianist Florian Kunz diese denkwürdige Buchvorstellung.
Passend zu den beeindruckenden Landschafts-Großaufnahmen von Edwin Kunz vorn auf der Leinwand, erklangen zum Auftakt im gut gefüllten bosco-Saal Schubertlieder.
Ein aufgewühlter Starnberger See in Schwarz-Weiß mit Schaumkronen:  Mezzosopranistin Belinda Kunz sang dazu das Schubert Liebes-Drama vom „Zwerg“, einfühlsam begleitet von Pianist Florian Kunz, dem Bruder des Fotokünstlers aus Leoni.
Zu perfekt dokumentierten  Landschafts-Impressionen, über denen sich der blassblaue Himmel als weites Zelt spannt, erklangen Lieder aus Schuberts Winterreise.  
„Ich träumte von Liebe und von einer schönen Maid“: Die karge menschenleere Landschaft vorn auf der Leinwand verwandelt sich dabei in eine saftig grüne Wiese – und endet als Schneefläche mit überzuckerten Raureifbäumen.
Eine nie gesehene Perspektive gelang diesem genialen Fotokünstler aus Leoni. In Großaufnahme war bei der Präsentation im bosco eine Fotografie eingeblendet: Der Starnberger See bei Bernried. Im Hintergrund thront ganz nah die Benediktenwand.
Philipp Luidl, dem 2015 verstorbenen Dichter aus Diessen am Ammersee, fühlt sich der Fotograf eng verbunden: Im Treppenaufgang des bosco, aber auch in Edwin Kunz` zweitem Bildband „Himmel Erde Seenland“ sind wunderbare Gedichte von Philipp Luidl abgedruckt – wie das vom Frost.  „Jeder Strauch ein gläsernes Feuer. Von jedem Zweig mundgeblasenes Licht. Die Sonne packt Porzellan aus. Zerbrechlich bis Mittag…“
Profi-Sprecher Peter Weiss erweckt die Lyrik von Philipp Luidl zu Leben.  
Und Katharina Luidl, die Tochter des an Demenz verstorbenen Dichters, liest vorn auf der Bühne den tief bewegenden Brief an ihren Vater: Schon als sie neun Jahre alt ist, liest Philipp Luidl seiner Tochter eigene Gedicht vor: „Bei jedem Gedicht wachse ich einen Zentimeter. So werde ich groß gefüttert mit Sprache.“ Doch seine Zuneigung, „die ich vermisse“, schenkt der Vater seinem Blatt Papier und dem stets gespitzten Bleistift. Katharina Luidl liest weiter: Dieser hoch gebildete Lyriker und Typograf verliert seine Schrift, seine Sprache und -  schließlich sein Bewusstsein.
Mit der Nocturne in cis-Moll von Frederic Chopin besiegelt Pianist Florian Kunz diesen Abschied – tief bewegend.
Ein Portrait des verstorbenen Dichters leuchtet vorn auf der Leinwand. Zur Foto-Aufnahme eines blutroten Sonnenuntergangs am Starnberger See liest Peter Weiss den Luidl-Vers: „… manchmal ernährt ein Wort ein ganzes Gedicht.“ Mezzosopranistin Anja-Maria Luidl, die andere Tochter, singt  die von Alfred Müller Kranich vertonten Texte ihres Vaters ausdrucksstark. Zur Fluss-Fotografie mit Buchenwald erklingt das „Locken des Bergbachs.“
Zum Finale dieses von Applaus begleiteten Gesamt-Kunstwerks mit aktuellem Bildband „Himmel Erde Seenland“ ist der faszinierende „Platzregen“ von Edwin Kunz zu sehen: Die realistische Momentaufnahme vom frisch sprühenden Regen auf dem Starnberger See ist auf Acryl  gebannt – und hängt im oberen bosco-Foyer.
 
Christine Cless-Wesle, 09.02.2018