Nach(t)kritik

Do, 12.10.2017
20.00 Uhr
Kabarett

Der Spinner vom Bahnhofsvorplatz

Veranstaltung: 
Künstler: 
Lisa Catena

Es gab eine Zeit, erinnert sich Lisa Catena, da stand vor dem Bahnhofsplatz ihrer Heimatstadt Bern immer einer, der hatte ein Pappschild um den Hals hängen, auf dem er aller Welt seine nicht unbedingt maßgebliche Meinung mitteilte. Man ging an ihm vorüber, schüttelte den Kopf und wusste: das ist ein Spinner. Heute finden sich solche Meinungen, solche Pappschildsätze als „Stimme des Volkes“ in jedem Käseblatt unter der Rubrik „Aus dem world wide web“, nachdem sie zuvor getwittert oder gepostet wurden. Binsenweisheiten und Halbwissen werden hochgeputscht zu Äußerungen allgemeiner Befindlichkeiten, werden zitiert und kommentiert und einschaltquotengerecht zur besten Sendezeit diskutiert - so lange, bis alle glauben, dies sei tatsächlich eine von vielen geteilte Meinung. Dabei gehören sie auf das Pappschild und auf den Bahnhofsvorplatz. Erzählt Lisa Catena. Erzählt auf eine sehr besonnene, ruhige Art, in angenehm - und für die Kabarettbühne unüblich - langsamem Tonfall. Lisa Catena ist Schweizerin. Eine von denen, die es gewohnt ist, schon über eine Grenze zu gehen, wenn sie nur einmal die Autobahnausfahrt verpasst. „Grenzwertig“, lautet passend mehrdeutig auch der Titel ihres Programms, mit dem sie im bosco gastierte.

Grenzwertig ist der Bodensatz jener Stimmung, die Extremisten und Rassisten gedeihen lassen. Grenzwertig sind die Vorurteile auf dieser und jener Seite der Grenze, welcher auch immer. Grenzwertig sind die andauernden Überschreitungen von Grenzwerten, und die Werte einer Grenze sind es ohnehin. So sinniert die Satirikerin, die als erste Frau den „Swiss Comedy Award“ gewann und vor zwei Jahren den Kabarett Kaktus aus München mit nach Bern nahm, in ihrem aktuellen Programm über all die kleinen verbalen Grenzüberschreitungen im Alltag, die, wenn sie ohne auflösenden Humor, ohne Augenzwinkern oder befreiendes Lachen daherkommen, Grenzen zementieren.

Dass Lisa Catena dabei die Kabarett-Dauerbrenner wie den Berliner Flughafen oder die versprochenen 72 Jungfrauen der Dschihadisten bemühte, sei ihr verziehen, ebenso die ewige Raute unserer Kanzlerin oder deren „Wir schaffen das“. Umso origineller wurde sie, wenn sie auf deutsch-schweizerische Gemeinsamkeiten oder Unterschiede abzielte. Die „sächsischem Wirtschaftsflüchtlinge“ beispielsweise, die als Servicepersonal die Wirtschaften der Eidgenossen überfluten und damit für eine „Germanisierung des Heidelandes“ sorgen, besaßen ebenso viel Lachmuskelpulver wie der Autobahn-Steuer-Vergleich: wenn ein Schweizer mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn rast, kommt er ins Gefängnis, während der deutsche Autofahrer beim selben Tempo ungestraft davonkommt und nach Meinung des Schweizers „eben schneller zu seinem Ziel“; wenn aber der Deutsche seine Steuerschuld verschleiert, kommt dieser in Gefängnis und diesmal der Schweizer ungestraft davon - und eben schneller ans Ziel.

Sehr viel schärfer wurde die so charmant plaudernde Schweizerin dann im zweiten Teil ihres Programms, als sie sich über die Begeisterung der Ü-30-Generation für das ganz besondere, erlesene , biodynamisch angebaute Essen ausließ: „Wann wurde Essen zum sozialen Schwanzvergleich?“ Immerhin: ihr Programm ist gluten- und laktosefrei, es muss aber darauf hingewiesen werden, dass in einzelnen Nummer Tiere vorkommen.

Vor allem kommt Satire drin vor und jede Menge Anlass, aus ganzem Herzen zu lachen. Ein Plädoyer für das befreiende, grenzüberschreitende, auch mal über andere sich ergießende Lachen stand im Zentrum dieser zweiten Hälfte. Das ist der eigentliche Grenz-Wert: der Humor, der aus einem möglichen Affront ein Freundschaftsangebot macht. Über andere lachen darf in erster Linie der, der über sich selber lacht.

Sabine Zaplin, 12.10.2017
Galerie 
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2017