Nach(t)kritik

Do, 11.01.2018
20.00 Uhr
Klassik

Die Kunst der Entfesselung

Künstler: 
Trio Chausson & Mathieu Herzog, Viola
Konzertverläufe haben schon so ihre Eigendynamik, die von vielen Faktoren abhängen kann. Etwa von der Tagesverfassung der Musiker, Erwartungshaltung der Zuhörer, von gegenseitigen Sympathien, vor allem aber vom Programmkonzept. Letzteres war hier beim Trio Chausson und Bratschisten Mathieu Herzog zwar musiktheoretisch gesehen durchaus gut durchdacht, doch ließ das erste Werk das Publikum reichlich ratlos zurück. Carl Philipp Emanuel Bach hatte die G-Dur-Kreation Wq 95 aus seinem Todesjahr 1788 für „Clavier, Flöte, Viola“ mit der Option eines Violoncellos als Relikt des Basso continuo konzipiert. Mit einem Klavierquartett realisiert, verstärkte sich allerdings die Auseinandersetzung des Empfindsamen Stils mit der Wiener Klassik, was wiederum die Mischbesetzung des ausgehenden 18. Jahrhunderts hinter sich ließ und Bachs Ensemblesatz der Farbigkeit und Beredsamkeit der Romantik erheblich näher brachte.
Im Grunde hätte diese Konstellation also schlüssig aufgehen müssen. Dass sie es nicht tat, lag wohl vor allem an der krampfhaften Bemühung Bachs, mit jeglicher Geschmeidigkeit und Folgerichtigkeit des Spätbarocks zu brechen, um einem neuen Stil den Weg zu ebnen. Damit gelang es Bach zwar, die horizontale Leseweise der Partiturstimmen gegen eine vertikale des Ensemblesatzes auszutauschen, doch fehlte diesem noch die Homogenität. Den Musikern gelang es auch nicht, die dadurch zerfledderte Rhetorik zum Fließen zu bringen, was sich gerade im Schlusssatz mit besonderer Ruppigkeit offenbarte. Kein Wunder also, dass Herzog in dem Geschrubbe den Faden verlor und das Ensemble nicht so Recht ins Spiel kam.
Ganz anders in der Interpretation Schumanns einzigem vollendeten Klavierquartett Es-Dur von 1842. Hier setzten die vier Musiker auf klangliche Schönheit, die sie sorgsam austarierten. Die Schlüssigkeit funktionierte dabei einwandfrei, selbst in der mehrschichtigen, komplexen Durchdringung des Scherzos und der beiden Trios, als versuchte da die burleske Hektik die melodiöse Ruhe der Trios zu zerstören. Zum Glück vergebens, setzt sich doch im anschließenden Andante cantabile eine der schönsten Melodien der Romantik durch, um in den nachfolgenden Variationen einen ganzen Kosmos an hintergründigen Bezügen aufzudecken. Welch eine Steigerung in Intensität, Hingabe und Leidenschaft gegenüber Bach?! Und der Schlusssatz legte in Sachen Spiellaune und Intensität noch einmal nach.
Damit nicht genug, folgte sogleich ein noch gewichtigeres Werk dieser Gattung: Klavierquartett g-Moll op. 25 von Brahms. Nachdem er als Pianist bereits große Anerkennung genoss, sollte es Brahms auch als Komponisten Gehör verschaffen. Dass diese Präsentation vor dem Wiener Publikum gelang, lag vor allem am Schlusssatz, stand doch die zigeunerisch-ungarische Stilistik gerade hoch in Mode. Aber auch die plastische, klangsinnliche Substanz dürfte die Wiener beeindruckt haben. In der Interpretation des Trios Chausson und Mathieu Herzog zeigte sich das Klavierquartett zudem überaus intensiv und temperamentvoll. Nicht ohne das verheißungsvoll swingende Intermezzo geradezu geheimnisvoll zu verschatten. Die hier pochend aufgebaute Spannung sollte sich schließlich im triumphalen Höhepunkt des Andantes üppig mit einem orchestralen Ensemblesatz entladen. Doch damit war das Pulver noch lange nicht verschossen: Das Rondo alla Zingarese sollte entfesselt nachlegen. Geradezu ein Feuerwerk zündeten hier die vier Musiker, tanzten einen feurigen Csárdás mit Cymbalklängen und ließen schmachtende Melodien ziehen. Der holprige Einstieg mit Bachs sperrigem Ensemblesatz war hier meilenweit hinter sich gelassen. Ein wahres Euphorisiakum! Dennoch empfing man gewiss gerne auch die empfindsame Seelenmassage des langsamen Satzes des dritten Brahms-Klavierquartetts in der Zugabe.
Reinhard Palmer, 12.01.2018
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