Nach(t)kritik

Fr, 17.11.2017
20:00 Uhr
Kabarett

Die Kunst des Schwimmens

Veranstaltung: 
Künstler: 
Faltsch Wagoni

Am stärksten war das Duo „Faltsch Wagoni“ immer dann, wenn es auf die Schönheit des gesprochenen Wortes vertraute und damit Pingpong spielte, dass es die pure Freude war. Die zur Auflockerung notwendigen Lieder standen in einem bestimmten Verhältnis zum hochkonzentrierten Sprech-Vortrag, und zuweilen waren sogar wahre Perlen dabei wie „Ingo Flamingo“, ein Song, der Worten mit „ng“-Bestandteilen geradezu ein Denkmal setzte. Im seit einiger Zeit laufenden Programm „Der Damenwal“ ist diese Relation zwischen reinem Wort-Gefecht und musikalischem Gegengewicht erstmals aus der Balance geraten: Silvana und Thomas Prosperi zeigen sich zwar noch immer als Meister des assoziativen Geplänkels, doch nimmt der diesmal eher schwache Musik-Part zu viel Raum ein – genau wie das Element Wasser, das der „Damenwal“ schwimmend umkreist, dringt er ein bisschen zu sehr in die Lücken der Texte, um nicht zu sagen: die Musik verwässert die Qualität des Gesagten.

Die beiden Herrschinger haben die Latte mit früheren Programmen wie „Deutsch ist Dada hoch drei“ (2014) oder „Ladies first, Männer Förster“ (2015) natürlich selbst reichlich hoch gelegt: Damals gipfelten die wirklich florettartigen Sprachgefechte in Betrachtungen zu den Umlauten ä, ö und ü und Dialogen wie „Ich böte dir Brühe, bräuchtest du sie“ (Silvana) - „Wenn Möhren drin schwömmen...“ (Thomas) – nicht nur Deutsch-Lehrer waren hingerissen von der Phantasie solcher Nummern. Im „Damenwal“, annonciert als „Kabarett, das übers Wasser geht“, wird an dieses hohe Niveau durchaus angeknüpft – wenn es etwa heißt: „Eine dreckige Lache macht noch keine Pfütze!“ (Silvana), und Thomas zurück patzt: „Und ein Rettich noch kein Meer!“ Es ist bei „Faltsch Wagoni“ auch immer ein Stück weit das ewige Duell zwischen Mann und Frau gewesen, das die Sache am Brodeln hielt. Diesmal entzündete sich der Funke daran, ob das titelgebende „Tier“ dem Wesen nach nun eher weiblich oder männlich sei. Doch wurden dann mal wirklich grammatische Höhen wie der „Wasser-Fall“ bzw. der „Aquativ“ erreicht (z.B. „Das muss man dem Wasser lassen...“), dann folgte zu oft gleich wieder das arg gedrechselte Lied hinterdrein, bei dem Silvana Prosperi ihre atemberaubende Vokalkunst bis hin zu Möwengeschrei dann auch noch kaum einsetzen durfte.

Das thematische „Wasser“, es funktionierte in den meisten Darreichungsformen ganz gut, litt aber doch zuweilen am erkennbaren Bemühen, es in verdaulichen Mengen abzufüllen – das Ganze „con gas“, also mit Conga- oder Leergut-Percussion (Silvana an der PVC-Flasche). Thomas und seine von Vokabel-Lernkärtchen abgelesenen Wasser-Gedichte waren freilich eine Klasse für sich, während Silvana hier ausnahmsweise mal deutlich den Kürzeren zog. So wechselte sich Hochklassiges mit eher Langatmigem ab, echte Sprachkunst mit Flachsinn - man schwamm ein bisschen, hielt sich aber über Wasser. Dass es „Faltsch Wagoni“ dabei auch noch gelang, in ihren Liedern die Verschmutzung der Weltmeere, die Mittelmeer-Flüchtlinge, zerstörerischen Kreuzfahrt-Tourismus und den sorglosen Wasserverbrauch der Industrienationen unterzubringen, kann man durchaus als Bravourstück loben – doch die sprachphilosophische Schärfe ging dabei gelegentlich über Bord.

Es ist zweifellos enorm schwer, bei ökologischem Gedankengut auch noch die Sprache originell zu drehen und zu wenden – zu groß wohl die Gefahr, dass Tempo, Slam Poetry oder Dadaistisches zu Gunsten politischer Korrektheit auf der Strecke bleiben. Silvana und Thomas ist ein Stück ihrer Leichtigkeit abhanden gekommen. Der „Damenwal“, leider ein Zwitter aus Gekonntem und Bemühtem.

Thomas Lochte, 18.11.2017
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2017