Nach(t)kritik

Mi, 15.03.2017
20.00 Uhr
Literatur

Ein einig Volk von Brüdern

Künstler: 
Gerd Holzheimer

Seufz! und Grübel! möchte man den legendären Erikativ der deutschen Übersetzerin der Micky-Maus-Hefte, Erika Fuchs, bemühen angesichts dessen, was in der Gegenwart vom Geist der frühen Direkt-Demokratiebewegungen übrig geblieben ist. „Wir wollen sein ein einzigVolk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr“, lautet der legendäre Rütli-Schwur in Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“. Der Freiheitsdenker unter den deutschen Klassikern greift damit auf einen Mythos aus dem 15. Jahrhundert zurück, dem ein Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zugrunde liegt. Doch gibt es heute noch Aufstände um der Freiheit oder der Brüderlichkeit willen? Zwar ist vom dritten Symbolbegriff der Französischen Revolution, der Gleichheit, in manchen Straßenparolen noch die Rede, doch ob dies womöglich eher auf Neid denn auf tatsächlicher Entbehrung basiert, sei dahingestellt.

Der Direkt-Demokratie war der fünfte Teil der Literaturreihe „Wie hätten wir´s denn gern?“ gewidmet, in der Gerd Holzheimer anhand von Zeugnissen aus der Literaturgeschichte der Frage nachgeht, welche Staatsformen und Gesellschaftsmodelle sich entwickelt haben und „welche uns die Genehme wäre“. Nach den bisherigen Folgen, die sich der Griechischen und Römischen Staatsformen und den religiös begründeten „Heiligen Reichen“ widmete, ging es diesmal um „Räterepublik, Direktmandat und Volksentscheid“, so der Untertitel.

Zunächst aber kamen die berühmtesten Entenbrüder der Comicgeschichte zu Wort, Tick, Trick und Track, denen der Rezitator des Abends, Heinz Peter, eindrucksvoll seine Stimme verlieh. Denn auch die drei Schnabelkerlchen wollen immer wieder „ein einzig Volk von Brüdern“ sein, vor allem, wenn es um die Opposition gegen Onkeltyrannei geht. Wie so manch anderer führen Tick, Trick und Track die Worte des Rütlischwures als Schlachtruf in eigener Sache an. Da ist es dann auch nur von sekundärem Interesse, dass dieser Schwur wohl eher ein Mythos denn eine historisch begründete Tatsache ist.

Ähnlich verhält es sich übrigens mit einem bayrischen Freiheitskämpfer, dem Schmied von Kochel. Auch er ist vielmehr Legende als Tatsache, auch wenn die Denkmäler wie jenes in Kochel eine tatsächliche Gestalt heraufbeschwören. Aber so ist das mit der Freiheit: sie braucht Gesichter und Worte, um Gestalt annehmen zu können. Worte, wie sie sich in Verfassungserklärungen finden wie beispielsweise der amerikanischen aus dem Jahr 1787, aus der aus aktuellem Anlass der neue Bundesaußenminister bei seinem USA-Besuch vorlas. Worte, die - im bosco vorgelesen - jeder sofort unterstreichen möchte, auch die von  Wegbereitern der Gedanken von direkter Demokratie, J.J. Rousseau beispielsweise oder H. D. Thoreau. Was bleibt? Grübel! Seufz!

Sabine Zaplin, 15.03.2017
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2017