Nach(t)kritik

Sa, 16.12.2017
20.00 Uhr
Klassik

Erfrischend anrührend

Künstler: 
NeoBarock
Authentisch bleiben, und dennoch dem heutigen Geschmack gerecht werden: Das ist kurz gefasst das Ansinnen des Ensembles NeoBarock. Leichter gesagt als getan, ist doch die Musik des Frühbarocks in historischer Aufführungspraxis so gar nicht spektakulär genug, um die Aufmerksamkeit des allseits überreizten Hörers von heute wecken zu können. Dennoch war es dem Quartett gelungen, trotz historisch verhaltenem Volumen einen Weg zu finden, das Publikum unmittelbar anzusprechen und mitzunehmen.
Die Mittel dazu waren recht schlicht, aber dadurch umso eindringlicher. So etwa die Verschlankung der Substanz zugunsten von Leichtigkeit und Transparenz. Händels Triosonate op. 5/4 begann denn auch gleich mit beschwingtem Staccato-Spiel in blühender Frische, wie man sie sonst selten zu hören bekommt. Nichts Gravitätisches belastete die Musik, und dennoch ging auch nichts von der barocken Sinnlichkeit verloren. Dies verdankten die Interpretationen vor allem der reichen Differenzierung, sowohl spieltechnisch wie auch im Ausdruck. Aber vor allem auch dem beherzten Zugreifen in homogener Präzision, aus der in disziplinierten Exaktheit viel Kraft entsprang.
Mit dem Weihnachtsprogramm „La notte di natale“ ging es auch um die Sonate, die um 1700 herum noch keinem einheitlichen Formmodell entsprach. Instrumentale Spielstücke waren sie, sonst nichts. Deutlich unterschieden von den Kantaten, die als Oberbegriff von Vokalwerken durchaus manche Modelle auch für die Kammermusik vorgebildet hatten.
NeoBarock griff beherzt in die Fülle der Möglichkeiten der Werke, nutzte vor allem in den Tänzen der Partita (Suite) e-Moll aus „Musicalische Ergötzung“ von Pachelbel die Rhythmisierung für beschwingte Geschmeidigkeit. Die Tanzsätze bestachen nicht nur mit konzertanter Kraft, sondern in ihrem wogenden Duktus ebenso mit schlüssiger Dramaturgie, die für packende Interpretationen stets unabdingbar ist.
Was die Interpretationen des Ensembles so besonders machte, war die Freiheit, die sich die Musiker nahmen, schon mal mit extrem ausgeprägter Phrasierung und Agogik Spannung aufzubauen und mit ihr spielerisch umzugehen. Dabei stets musizierfreudig und mit lustvollem Zugriff. Vor allem in der Sonata „Pastorella“ von Johann Heinrich Schmelzer, dem Vater des österreichischen Idioms am habsburgischen Hof in Wien. Überaus reizvoll gestaltete das Quartett mit Streichern und Cembalo dieses hirtenmusikalische Idyll, nicht ohne musikantische Spielweisen zu bemühen. Die Imitation von Dudelsackklängen im Stil sogenannter Polnischer Sackpfeifen bot einen besonderen, durchaus anrührenden Reiz.
Der genutzte Tonraum erwies sich als enorm, nicht zuletzt aufgrund der virtuosen Solistenstimmen der beiden Violinen, die sich in Bachs Doppelkonzert BWV 1043 einen packenden Wettstreit um die Klangschönheit in allen Lagen lieferten. Besonders beeindruckend dabei in den extrem weiten Rücknahmen bis in die zartesten Klangspuren, nicht ohne von der Seelentiefe der Interpretation auch dann zu überzeugen. Mit dem Fortschreiten des Abends mit verfeinerten Sinnenfreuden angereichert. Giuseppe Valentinis Sinfonia a tre „per il Santissimo Natale“ erzeugte schließlich enorm viel Wärme und Unmittelbarkeit im Ausdruck. Doch das letzte Wort sollte ein Popsong der E-Musik behalten: Vivaldis „La Follia“ nach einem harmonischen Satzmodell virtuos auszugestalten, lieferte ein glanzvolles Finale von nachhaltiger Wirkung. „Sonata sopra l'aria di Ruggiero“ von Salomone Rossi in der Zugabe gab noch einmal einen tiefen Einblick in die frühbarocke Sensibilität des Repertoires.
Reinhard Palmer, 17.12.2017
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017