Nach(t)kritik

Mi, 17.01.2018
20.00 Uhr
Literatur

Fliegende Teppiche

Künstler: 
Holzheimer-Reihe "Ich und die Welt" (4)

Orientreisende waren sie beide, die Lyrikerin Else Lasker-Schüler und die Erzählerin Annemarie Schwarzenbach. Beiden war „Der Orient als Biographie“ mehr als ein Fähnchen auf der persönlichen Landkarte. Gerd Holzheimer, der diesen Abend im Rahmen seiner aktuellen bosco-Literaturreihe „Ich und die Welt“ konzipierte und gemeinsam mit der Rezitatorin Katja Schild präsentierte, verglich die künstlerische Perspektive der beiden Autorinnen mit dem Muster auf einem Orientteppich: jenseits von klassischen Größen wie Anfang und Ende, verläuft deren Muster assoziativ und frei von jeglicher ordnenden Norm in einem kostbaren, zuweilen fast überbordenden System jenseits von Schemata und Vorlagen - so mag es zumindest scheinen.

Es trennt sie hinsichtlich des Geburtsjahrgangs nahezu ein halbes Jahrhundert, es eint sie die Sehnsucht nach dem Orient, nach jener Weltgegend, aus der das Licht kommt - ex oriente lux. Es ist die Gegend, die mit Märchen aufwartet, mit phantasievollen Geschichten und geheimnisreichen Gestalten, mit verschachtelten Palästen und betörenden Gerüchen und Geschmäckern - aber auch mit Tragik, Tod und Terror, letzterer zumindest im Heute. Es ist aber auch die Gegend, die mit Stil aufzuwarten versteht und darin vor allem die sich ihr zuwendenden Künstler herausfordert. Und so antworten die beiden Schriftstellerinnen auf diese Herausforderung mit einer exzessiven Stilisierung ihrer selbst: Else Lasker-Schüler, indem sie vor allem in der privaten Korrespondenz einen hochstilisierten Ton anschlägt und die Adressaten mindestens zu Prinzen adelt; Annemarie Schwarzenbach mit einer ins Extreme getriebenen maskulinen Eleganz. Ist die Lasker-Schüler sogar äußerlich ganz im Orientalischen daheim, so stilisiert die Schwarzenbach sich als mondäner junger Mann. „Schreiben war der Gottesdienst ihres Lebens“, sagt die Reise- und Lebens-Gefährtin Ella Maillart über sie. Maillart und Schwarzenbach reisten im Juni 1939 in einem Auto über die Türkei bis nach Afghanistan. Zur selben Zeit war Else Lasker-Schüler bereits in Palästina. Beider Lebenswege waren nicht ohne Hindernisse, von unwegsamen Steinen verbaut. Else Lasker-Schüler, die Freundschaften pflegte zu Dichterkollegen wie Franz Werfel und zu Malern ihrer Zeit wie den viel zu früh gestorbenen Franz Marc, den sie in ihren Briefen stets mit „Mein lieber Blauer Reiter“ anspricht, hat das tragische Schicksal, zur falschen Zeit unter den falschen Menschen zu leben - sie wird verfolgt, verfehmt, muss fliehen; der Orient ist mehr Zuflucht denn Sehnsuchtsort.

Annemarie Schwarzenbach, die Rastlose, Freundin des Geschwisterpaares Erika und Klaus Mann, denen sie bald auf deren Drogentrips folgt, tritt ihre Reise in den Orient an wie eine Metapher für die Ruhelosigkeit, die ihr Leben prägt. „Ale Wege sind offen“, schreibt sie, „und führen nirgends hin, nirgends hin.“ Geprägt von diesem Zwiespalt, kann auch ihr das Licht, das aus dem Osten kommt, nicht zum Leitstern werden. Mit nur 34 Jahren stirbt sie im Engadin ausgerechnet an den Folgen eines Fahrradsturzes.

Und doch haben beide Frauen ihre Geschichten hineingewebt in den Orientteppich, der sie so geheimnisvoll fortgetragen hat aus der Enge ihrer Zeit.

Sabine Zaplin, 17.01.2018
Galerie 
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