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Nach(t)kritik

So, 10.01.2016
20.00 Uhr

Geschwätziger Gegenentwurf

Veranstaltung: Staatsschauspiel Dresden: Bilder deiner großen Liebe - Wolfgang Herrndorf

Um es gleich vorweg zu sagen: Lea Ruckpaul als „Isa“ in „Bilder einer großen Liebe“ ist ein Muster an Konzentration, und Holger Hübner als männliche Projektionsfläche an ihrer Seite tatsächlich von sanfter, bärenhafter Präsenz – das nach dem Romanfragment von Wolfgang Herrndorf entstandene Stück allerdings ist eher geschwätzig als stringent oder gar „von leiser Poesie“, wie es Dramaturgin Julia Weinreich den bosco-Besuchern vorher schmackhaft zu machen suchte. Das deutsche Feuilleton hat sich natürlich längst darauf geeinigt, dass etwas aus dem geistigen Kosmos des „Tschick“-Autors Wolfgang Herrndorf per se etwas Großartiges zu sein hat, und so wird eben auch sein düsterer Geschwister-Entwurf zu „Tschick“ mit einiger Ehrfurcht auf die Bühnen der Republik gebracht – die helle Seite des Mondes aber wird laut Weinreich derzeit an 96 Theatern im Land gespielt und steht allein am Staatsschauspiel Dresden vor der 150.Aufführung.

Die Inszenierung von Jan Gehler (der bei „Tschick“ als Regieassistent debütiert hatte) ist der angeblichen Hoffnungslosigkeit seiner Hauptfigur Isa keineswegs auf den Leim gegangen – sie bildet sie gar nicht erst ab: Was die Theater-Kritik und ganze Literatur-Seminare offenbar in dieser angeblich„14-Jährigen“ zu erkennen meinen, zumindest das Gautinger Gastspiel gibt es nicht her. Lea Ruckpauls Isa ist gewiss eine hochsensible, leicht vorwitzige und auch neurotische junge Frau, die ziellos durchs Leben taumelt, doch die angeblichen Abgründe, an denen sie entlang wandelt, werden kaum sichtbar - echte Verzweiflung sieht anders aus, sie verstummt eher und brabbelt nicht unentwegt. Das Spiel mit den Herrndorf´schen Motiven - eine Heckler & Koch-Waffe, mit der sich der bereits todkranke Schriftsteller am 26.August 2013 in Berlin selbst das Leben nahm und um die er bereits in seinen Blog-Einträgen lange gekreist hatte; Sätze voller Überdruss an der unheilbaren Dummheit der Welt („Alles Idioten, und wir müssen´s ausbaden“) – all das bleibt hier im Behauptungsstadium stecken. Spannender als das irgendwie schutzlos in die Welt geworfene Mädchen ist bei dieser Konstellation schon eher dieser „Pu, der Bär“ (Holger Hübner), der für Isa mal wie ein knuddliger Puchingball oder auch nur als Stichwortgeber oder Orientierung bietender Schiffslenker wirkt, dann wieder die fehlende Vaterfigur abgibt und ein anderes mal für das grundsätzlich Bedrohliche aller Männer zu stehen scheint – Bilder deiner großen Liebe?

Wenn „Tschick“ schon als Roman der große weltumarmende und deshalb umjubelte Entwurf Herrndorfs war, dann soll dies nun „post mortem auctoris“ die Kehrseite der Medaille gewesen sein, auf die man sich nun pflichtschuldigst ebenfalls einzulassen hat: Man hat zwar verzweifelte junge Frauen schon in inflationärer Zahl auf den Bühnen dieser Welt leiden sehen, aber offenbar noch nicht in dieser „chicen“ Form – aufgeladen mit großer Deutungs- und Bedeutungsfläche (Futter fürs Dramatische Gestalten aller deutschen Oberstufen, wette ich) und innerhalb des Staatsschauspiel-Ensembles Dresden gemäß Julia Weinreich heftig diskutiert. Sogar das „minimalistische Bühnenbild“, auf ein Text-Zitat zurückgehende „unklare Konturen der Berge“, wurde von der Kritik entgegen aller Schlichtheit tüchtig beraunt. Die beiden Darsteller können freilich nichts dafür für das ganze Gewese, mit dem man in ihre fragmentarischen Rollen zu viel hineingeheimnist hat – sie und die Regie tun ihr Bestes, um Herrndorfs wirren Abgesang an die Welt irgendwie zu ordnen und dem arg Monologlastigen einen Schuss Hoffnung und Kontra und sogar Komik beizumengen. Ein mit zitternder Hand geschriebenes Stück bleibt es dennoch, ebensowenig zu retten wie das Leben dieses eigentlich großen Autors. Langer Beifall im bosco, der ein wenig nach Erleichterung am Ende einer Trauerfeier klang.

 

Thomas Lochte, 10.01.2016


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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So, 10.01.2016 | © Copyright Werner Gruban