Nach(t)kritik

Do, 01.02.2018
20.00 Uhr
Vielklang

Herrlich unperfekt

Veranstaltung: 
Künstler: 
Kofelgschroa
Die Heimorgel ist aus dem Jahr 1962 und ein altes Klump. Weiß angestrichen haben sie das Instrument, weil es das ganze Erscheinungsbild etwas hebt, sagen sie. Sie ist kein schönes Instrument, also genau richtig. Es ist nur eine kleine Instrumentenkunde, die Matthias Meichelböck den Zuschauern zwischen zwei Liedern gönnt. Doch es steckt viel von dem drin, was Kofelgschroa ausmacht: Es muss nicht glänzen und neuartig sein, es braucht keinen Schein und keine Show, es muss nicht perfekt sein - es ist wie es ist. Alles was nicht gerade ist, sondern eher quer verläuft, wie eben die Orgel, das alte Klump, passt gut ins Konzept. Und die kann gar nicht so schräg klingen, als dass die vier ungebügelten Jungs aus Oberammergau sie nicht irgendwie in ihren selbst gezimmerten Spezialsound einbauen könnten.
 
Kofelgschroa, das sind vier Musiker, die sich allen Kategorien und Trends entziehen. Und genau das macht ihren Reiz aus. Eine analoge Band in einer digitalisierten, hektischen Welt. Die vier sind mindestens so schräg wie ihre Orgel, die sie mit der Sackkarre zu ihren Auftritten mitschleppen. Die Oberammergauer sind keine Musiker, die eine ausgereifte Bühnenshow abliefern, die ihren Heimatklang als Partysound inszenieren und dem Publikum ordentlich einheizen. So läuft das alles nicht. Sie machen ihr ganz eigenes Ding. Schalten erst mal einen Gang runter. Es ist eher das Unaufgeregte, das Unperfekte, das Holprige, das hier zum Stilelement wird.
 
Kofelgschroa besteht aus Maximilian Pongratz, Michael und Martin von Mücke und Matthias Meichelböck. Im Gepäck haben sie ein Akkordeon, eine Gitarre, ein Flügelhorn, eine Maultrommel, eine Helikontuba, ein Tenorhorn und eine Zither. Ihre Instrumente beherrschen die vier nicht unbedingt virtuos, aber genau das klingt irgendwie genial. Alles findet sich auf eine Weise zusammen - das wehmütige, melancholische Akkordeon, die oft schnarrende Gitarre, das Tenorhorn. Umrahmt wird das Ganze vom steten, verlässlichen Rhythmus der Tuba. Alles fließt gemeinsam so dahin, dringt im Wechseltakt sofort ins Ohr.
 
Die Texte zur Musik bewegen sich irgendwo zwischen Poesie und Dada. Es fallen Blätter vom Baum, es verstaubt ein Langlaufpokal im Regal, die Liebe läuft dahin wie ein Bach. Das Leben ist halt oft trivial und das besingen sie mit Leidenschaft und ohne jemals eine Miene zu verziehen, staubtrocken: „Mei Freindin is aus Venedig mia seng uns recht wenig“. Mehr gibt es nicht zu sagen. „In Baaz k`erst nei“ heißt eine andere, einzige Textzeile. Oder sie singen über das einstige Verliebtsein: „Heute bin ich froh, dass es nicht Du geworden bist.“ Ihre knappen Poesien wiederholen sie gerne mantraartig, bis sie – oft mehrstimmig gesungen - zum eigenen Klangelement werden.
 
Ihre Wurzeln haben die vier in der traditionellen Volksmusik. Wie weit sie sich davon wegbewegen können, zeigen sie bei den letzten beiden Stücken. Endlich kommt die Orgel, das Klump, zum Einsatz. Das Akkordeon, das sonst die dominante Klangfarbe der Songs liefert,  macht mal Pause. Martin von Mücke tauscht die Tuba gegen die Zither und dann holen die vier aus ihren Instrumenten, was nur geht, basteln eine experimentelle Klangcollage zusammen, herrlich schräg und schief, zum Höhepunkt mit Disconebel selbstironisch inszeniert. Maximilian Pongratz hat mal in einem Dokumentarfilm, der 2014 über die Band gedreht wurde, gesagt, etwas zwischen Provozieren und Gefallen machen zu wollen. Das gelingt ihnen jedenfalls perfekt.
 
Annette Jäger, 02.02.2018
Galerie 
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2018