Nach(t)kritik

Mi, 07.02.2018
20.00 Uhr
Literatur

Herz, nimm Abschied...

Künstler: 
Holzheimer-Reihe "Ich und die Welt" (5)

Hermann Hesse und Thomas Mann. „Alle werden Lese- und Lebenserfahrung mit beiden haben“, sagt Gerd Holzheimer zu Beginn des letzten Abends seiner Literaturreihe „Ich und die Welt“ und liefert auch gleich ein Beispiel aus dem eigenen Schatzkästlein frühester Lektüre- und Levitenerinnerung. Denn als Zögling eines ausschließlich Buben vorbehaltenen Humanistischen Gymnasiums war es für die damaligen Pubertisten eine Sensation, als das Lehrerkollegium eines Tages um eine junge Deutschlehrerin erweitert wurde. Der Anblick der auf dem Pult mit übereinandergeschlagenen Beinen dozierenden Pädagogin raubte den von ihren erwachenden Hormonen Geplagten beinahe die Sinne: „Nylons knisterten wie in einem Film von Truffaut“, erinnert sich Holzheimer. Nun war die neue Lehrerin eine ausgemachte Thomas-Mann-Verehrerin, während der junge Gerd viel lieber Hermann Hesse las. Eines Tages nahm er seinen ganzen Mut zusammen, trat - getrieben von dem Wunsch, der jungen Frau zu imponieren - vor diese und begann einen Satz mit: „Aber Frau Profesor, Hermann Hesse …“ Weiter kam er nicht, denn wie ein Fallbeil (so erinnert sich Holzheimer) durchschnitt ihre Antwort sein begonnenes Bekenntnis: „Aber Holzheimer, ein vollkommen drittklassiger Autor.“ In ihm, berichtet Gerd Holzheimer, habe in diesem Moment etwas sehr klar und deutlich „Nein“ gesagt.

In dieser kleinen Anekdote liegen die beiden Hauptanliegen des Abend bereits verborgen: zum einen das Antreten des Beweises, dass Hermann Hesse zu Recht als einer der Besten im künstlerischen Umgang mit der deutschen Sprache ist (das hat in ähnlicher Weise Thomas Mann über ihn gesagt), und zweitens, dass ein Wegweiser für das Ich hinein und hinaus in die Welt die eigene Herzensbildung sein möge. Denn ohne den Einfluss des Herzens hätte auch der junge Schüler niemals das Duell mit einem Mann-Weib gewagt.

Mitten hinein in das Werk beider Schriftsteller sowie einiger Biographen führt in einfühlsam gestalteten Rezitationen der Sprecher Axel Wostry, ohne dessen besondere Art, zu lesen und in die Textpassagen einzudringen, gewiss vieles so nicht verständlich geworden wäre.

Das Herz als Kompass im Umgang mit einer fremden, befremdlichen Welt ist im Werk Thomas Manns in einem virtuos gestalteten Labyrinth aus stilistischem Hochleistungssport und immer wieder phantastisch variierter Erzählung vom Widerspruch zwischen der künstlerischen Existenz und der bürgerlichen Umgebung verborgen, doch es blitzt umso glänzender auf in Momenten wie jenem am Ende des Doktor Faustus, als es die bayerischen Dialekt sprechende Hauswirtin Schweigestill ist, die als einzige die Lage des sterbenden Adrian Leverkühn begreift.

Hermann Hesse formuliert die Herzensbildung als Leitbild für ein gelingendes Leben, im Sinne einer sein Werk durchziehenden Botschaft. Das findet sich in jener Szene im „Steppenwolf“, wenn der Ich-Erzähler im Treppenhaus auf dem Treppenabsatz den seltsamen Herrn Haller trifft und diesen erst wirklich entdeckt, als er vom Duft der Topfpflanze und des Terpentins erzählt, welcher an dieser Stelle des Hauses einen Einblick in das Leben der Bewohner zu geben vermag.

Und so rundet sich mit diesem Abend die Reihe „Ich und Welt“ zu einem Bekenntnis, das Unbekannte mutig mit dem Herzen zuzulassen, wie Hesse es in seinem Gedicht „Stufen“ besingt: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.“

Sabine Zaplin, 07.02.2018
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