Nach(t)kritik

Mo, 06.03.2017
20.00 Uhr
Schauspiel

I did it my way

Künstler: 
Bremer Shakespeare Company

„Och Hastings – n´ Kopf kürzer hättste´s geschafft!“ Dieser Satz ist nicht von William Skakespeare, aber er lockert das mörderische Treiben in seinerTragödie „Richard III.“ wohltuend auf. Die Bremer Shakespeare Company machte bei ihrem zweiten Gastspiel im bosco (nach Schillers „Maria Stuart“) aus einem der blutrünstigsten Stoffe der Theatergeschichte ein mit Ironie und schwarzem Humor angereichertes Stück, das dennoch nicht an epischer Wucht einbüßte: Die Inszenierung von Ricarda Beilharz vertraut weitgehend auf die Qualität ihrer sieben Schauspieler, lässt auch das Melodiöse der Sonette gebührend zur Entfaltung kommen und streut doch immer wieder eine wohltuende Prise Text-“Moderne“ ein: Richard, der blaublütige Renaissance-Psychopath, der sich selber analysiert, als wäre Sigmund Freund sein Zeitgenosse gewesen: „I, that am not shaped for sportive tricks...“ - Ich, der ich nicht zum höfischen Schmeichler tauge....
Dieser Richard also tritt sozusagen die Flucht nach vorne an - einmal ein Monster, immer ein Monster. Meuchelt auf dem Weg zum britischen Thron den Bruder, den Neffen, treue Gefolgsleute, etliche Mitverschwörer und Rivalen, sogar Kinder und indirekt auch den offenbar herzkranken Vater. Die Shakespeare Company lieferte den bosco-Besuchern eigens noch eine Genealogie des Hauses York mit, damit es bei dem flotten Morden den verwandtschaftlichen Überblick behielt. All die „Edwards“, die da zu Tode kommen, kommentiert der als „George, Herzog von Clarence“ soeben selbst dahingeschiedene Christian Bergmann treffender Weise mit: „edwards unübersichtlich“. Überhaupt funktioniert die ironische Brechung dieses wuchtigen Bühnen-Massakers bei den Bremern zweieinhalb Stunden lang ausgezeichnet und bin hin zu der Nummer mit dem Rasiermesser ganz ohne rotes Theaterblut. Bergmann hadert vielmehr mit seinen Mehrfach-Toden als Clarence bzw. Edward senior, indem er mosert „Immer bin ich weiß...“ Dazu bläst er Raumbefeuchter in die bosco-Luft und gibt den Wetterbericht: „Londoner Nieselregen“. Auch schön Makabres hielten die Bremer bereit: Hastings (Frank Auerbach) darf, nachdem er bei Richard in Ungnade fällt und buchstäblich den Kopf verliert, diesen für den fast kompletten Rest des Stückes optisch auf dem (Silber-)Tablett ablegen: „Och Hastings..“, hatte Königin Elisabeth (mal mütterlich, mal sexy, mal queenlike: Kathrin Steinweg) vorher noch gewitzelt.
Es sind solche Regie-Einfälle, die das Ganze ein wenig durchpusten, ohne es zu trivialisieren. Michael Meyer ist ein starker, ein verschlagener „Richard“, dem man zugleich das Gedrungene, den Selbsthass und den Welt-Ekel abkauft: „Was bleibt zu sagen, wo diese Welt nur abwärts rollt?“ Shakespeares Anti-Held durchbricht sämtliche vermeintlichen Tabus und nimmt die durchschaute allgemeine Schlechtigkeit als Rechtfertigung für das eigene maßlose Handeln. Man darf sagen, mit dieser monströsen Figur des Richard ist die Ich-Betrachtung endgültig angekommen in der Theater-LIteratur - Clockwork Orange lässt grüßen, fehlte nur noch, dass man Sinatra dazu eingespielt hätte: „I did it my way. . .“ Shakespeare hat bei seiner „Familienaufstellung“ übrigens auch noch weitere starke Figuren eingeführt: Eine Elisabeth, der noch der Thron-Streit mit Königin Margaret (tragisch umflort, aber immerhin noch lebendig: Ulrike Knospe) nachhängt; einen Herzog von Buckingham, der erst wacker mitintrigiert und dann sehr schön Selbstmord durch den Strick begeht (Peter Lüchinger etwas sprachsteif und wohl leicht gehandicapt mit Gehstock); eine Lady Anne, die erst Witwe des ermordeten Richard-Bruders Edward ist und dann den Mörder ehelichen soll (Theresa Rose gibt dem Herzog von Gloucester, also Richard, ordentlich Kontra). Sämtliche Akteure und Aktricen besetzen mehrere Rollen in diesem mörderischen Geschehen – dem „Täter“ erscheinen sie zum Teil noch als Untote im Traum. Auch Frank Auerbach, der eben noch als „Lord Hastings“ um einen Kopf kürzer gemacht worden war, kehrt am Ende zurück: Als „Richmond“ bringt er Richard den Tod auf dem Schlachtfeld. Ihn haben sowieso längst alle verlassen, sogar die Toten, die ihn so lange heimsuchten, und auch sein Ruf „Ein Königreich für ein Pferd!“ verhallt ungehört. Begeisterter Applaus von einem ebenfallls „dahingerafften“ Publikum.  Thomas Lochte
 

Thomas Lochte, 07.03.2017
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2017