Nach(t)kritik

So, 05.11.2017
20:00 Uhr
Klassik

Interpretationen vulkanischer Provenienz

Künstler: 
Alisa Weilerstein, Violoncello & Inon Barnatan, Klavier
Die Interpretation der Sarabande aus Bachs 3. Suite für Violoncello solo überraschte etwas, sagt man ihr sonst Pathos und große Gesten nach. Alisa Weilerstein tauchte indes mit zarter Empfindsamkeit weit in die Seelentiefen des Werkes ab. Dieser rhythmisiert dahinfließende Satz klang vielmehr wie ein stilles Gebet, aufrichtig und innig. Und überraschend war es vor allem deshalb, weil zuvor die e-Moll-Sonate op. 38 von Brahms mit feuriger Leidenschaft und lavabrodelnder Erregung weit über sich hinausgewachsen war und mit pathetischen Gesten wucherte.
Durchaus, eine solche Spielweise steckt sicher irgendwo auch in diesem Werk, zumindest als Möglichkeit. In kompromissloser Hingabe und Expressivität gespielt, offenbarte die Sonate eben ihre geheimsten Winkel. Ob immer im Sinne Brahmsens, ist eher fraglich, hatte er das Werk doch für einen Laiencellisten komponiert, also nicht gerade für den großen Konzertsaal als vielmehr für den bürgerlichen Gesellschaftsabend. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass der Fugenschlusssatz in der vom Pianisten Inon Barnatan eingeführten wuchtigen Tektonik so auch gemeint war, hatte offenbar das Übergewicht des Satzes Brahms dazu veranlasst, im Gegenzug auf das bereits komponierte Adagio an zweiter Stelle zu verzichten.
Bei der zweiten Brahmssonate F-Dur op. 99 weiß man durchaus, dass der kraftvolle und energische Zugriff von Brahms intendiert war, schrieb er doch das Werk für den Cellisten des Joseph Joachim Quartetts, Robert Hausmann, dessen Spiel als temperamentvoll, feurig und konzertant überliefert ist. Das Adagio affettuoso, ganz im Spätstil Brahmsens verfasst, geriet dennoch wunderbar lyrisch, sachte entwickelt, im Grunde auch ähnlich dem süßlichen Klangspiel des Trios im dritten Satz.
Das Duo Weilerstein und Barnatan vermochte aber nicht nur Färbungen üppig zu variieren. Es ging auch um extreme Ausprägungen, anders ausgedrückt um große, satte, ja pathetische Momente gegenüber weiten Rücknahmen in empfindsam erspürte Spuren voller Innigkeit und feinster Klangnuancen.
Dieses expressive, extrem präzise Spiel nahm das Publikum sehr gut mit, fesselte und sprach vor allem emotional an. Es haben sich offensichtlich in dem Fall zwei Musiker zusammengefunden, die in diesem Zugriff gänzlich aufgehen. Kein Wunder also, dass in den beiden Zugaben Werke von Manuel de Falla – aus den Canciones Populares Españolas „El Paño Moruno“ und „Polo“ – erklingen sollten. Diese feurigen Lieder haben es in sich und das nötige Material, Weilersteins und Barnatans leidenschaftlichem Temperament freien Lauf zu gewähren, obgleich in scharf geschnittener Rhythmik und klar pointierten Formen.
Ein reichhaltiges Material, das auch Igor Strawinsky auf ganzer Linie entgegen kam. Seine „Suite italienne“ ist schließlich nicht nur ein Extrakt seines Pulcinella-Balletts, sondern beinhaltet eben auch eine Geschichte, die das Duo Weilerstein und Barnatan mit der Inbrunst eines orientalischen Erzählers zu vermitteln vermochte. Nachdem die Musik auf kleinen Stücken aus Pergolesis Zeit basiert, liefert sie auch barock-sinnenfreudige Ansätze, die sich das Duo mit imaginativer Kraft dafür zunutze machte. Man vergaß dabei, dass es im Grunde aber Neue Musik von 1932 war, deren expressive Grundhaltung mit dem barocken Ansatz eine erstaunlich stimmige Symbiose einging.
Im Grunde war dies auch das Thema von Steven Mackey, dessen vor drei Wochen uraufgeführtes „Through your Fingers“ allerdings weit über die tradierten Möglichkeiten hinausging. Hier stand die konkrete, leidenschaftlich ausgespielte erzählerische Ebene einer geräuschhaften, irgendwie unfassbaren, eben durch die Finger gleitenden gegenüber. Letzteres ein Spiel mit Obertönen mittels Flageoletts. Dass Mackey als Komponist wie E-Gitarrist auch in Rock und Jazz zu Hause ist, machte sich vor allem mit Passagen härterer Gangart, Jazzharmonik und immer wieder unterlegten Grooves deutlich bemerkbar.
Alles in Allem ein gehaltvoller Kammermusikabend, für den sich das Publikum mehr als erwärmen konnte.
Reinhard Palmer, 06.11.2017
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