Nach(t)kritik

Sa, 17.12.2016
19.30 Uhr
Klassik

Lehrmeister und sein Schüler

Künstler: 
Dina Ugorskaja
Es war schon ein apartes Gesamtkonzept, das die Pianistin Dina Ugorskaja im bosco vorlegte. Mit Bachs Wohltemperiertem Klavier (Auswahl) und Beethovens letzter Klaviersonate op. 111 auf eine recht enge Verbindung zwischen den beiden großen Komponisten hinzuweisen, ist damit allerdings nicht gemeint. Ganz im Gegenteil: Viel zu selten wird die Beziehung in zeitlicher Distanz zwischen Bach und Beethoven explizit beleuchtet. Dabei könnte man im Grunde Bach als den besten Lehrer Beethovens bezeichnen. Natürlich post mortem auf dem Umweg über Beethovens Lehrmeister Johann Georg Albrechtsberger, der anhand von Bach‘schen Kompositionen Kontrapunktik lehrte und seinen noch suchenden Schüler auf eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration aufmerksam machte. „Immer, wenn ich beim Komponieren ins Stocken geriet, nahm ich mir das Wohltemperierte Klavier hervor, und sogleich sprossen mir wieder neue Ideen“, bestätigte Beethoven auch selbst.
Als apart soll hier vielmehr die Interpretationsweise der russischen Pianistin verstanden werden. Während Beethovens Sonate op. 111 in ihrer vollen expressiven Kraft erklang und – erfüllt von enormer Energie – für einen bleibenden Eindruck sorgte, erwies sich die Auswahl von acht Präludien und Fugen aus beiden Bänden des Wohltemperierten Klaviers Bachs als eine große Herausforderung. Sowohl für die Interpretin als auch für die Zuhörer. Auf Seiten der Interpretin nicht etwa aufgrund der hohen technischen Anforderungen. Ganz im Gegenteil: Ugorskajas Fingertechnik ist geradezu perfekt und überraschte mit enormer Wucht im Anschlag, die in Beethovens Sonate immer wieder mit Substanz für flutende, dramatische Passagen sorgte. Als Herausforderung empfand man eher die Zurückhaltung im Wohltemperierten Klavier. Ugorskaja suchte eine neue Perspektive auf den Zyklus und fand eine vergeistigte Ebene, die der Pianistin die Gelegenheit gab, weit in die Seelenuntiefen herabzusinken. Sie blendete den kirchenmusikalischen Hintergrund Bachs aus und fokussierte stark die Transparenz in den Linien- und Themenverläufen auf rein pianistische Weise. In diesem Fortspinnen der Gedanken und Empfindungen in barocker Innigkeit gelangte Ugorskaja auf eine überaus meditative Ebene. Doch soll dies nicht bedeuten, dass hier alles gleichförmig hinplätscherte. Überhaupt nicht. Ugorskaja entwickelte ein enormes Spektrum an anschlagstechnischen Finessen, die es ihr erlaubten, die Transparenz bis ins Detail agogisch auszudifferenzieren. Doch die Ausdrucksbreite bewegte sich in einem sehr engen Bereich, erlaubte sich keine dramatischen Erhebungen, deutete sie allenfalls an, scheute sogar allzu engmaschige Verdichtungen.Auf diese Weise eine Stunde lang die Spannung zu halten, war schon gewiss eine enorm kräftezerrende Angelegenheit, die man der schmächtigen Ugorskaja zunächst kaum zugemutet hätte. Doch das sollte sich mit Beethovens Sonate schnell ändern, ist die Pianistin doch in der Lage, Beethovens monumentalem Spätwerk op. 111 mit absolut sicherer Tektonik mittels gewaltiger Steinblöcke einen Sockel zu errichten. Ganz besonders im Kopfsatz und seiner expressiv rhythmisierten Einleitung. Mit der Arietta und ihren Veränderungen griff Ugorskaja zu einer Gegenüberstellung zwischen nach innen gekehrter, meditativ-sanglicher Spielweise in Bachs Manier und der wuchtig-monumentalen Größe des reifen Beethovens. Ein aufschlussreicher Blickwinkel, dem lang anhaltender Applaus zuteilwurde.
Reinhard Palmer, 18.12.2016
Galerie 
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2016