Nach(t)kritik

Fr, 04.05.2018
20.00 Uhr
Schauspiel

Liebe ich - und wenn ja, wie viele?

Künstler: 
Theater Wahlverwandte

„Das Jahr klingt ab, der Wind findet nichts mehr zu bewegen.“ So hört es sich in Goethes „Wahlverwandtschaften“ an, wenn der Rausch einer lustvoll-bacchantischen Nacht vorüber ist und der Zustand allgemeiner Ernüchterung eintritt. Charlotte und Eduard sind nach dieser Verwirrung der Gefühle nicht mehr das Gutsherren-Paar mit dem idyillisch beschirmten Leben („Wir fassten den Entschluss, nur uns selbst zu lieben“), Eduards Jugendfreund Otto ist auf einmal Vater eines bald schon zu Tode kommenden Knaben, und Ottilie hat ihre Unbekümmertheit verloren und flieht all dieses Grauen, die Älteren im Elend zurücklassend.

Das „Theater Wahlverwandte“, eine seit Jahren eher lose bestehende Gruppe von Bühnenschauspielern, findet sich immer wieder zusammen, um das Goethe´sche Oeuvre auf moderne, gleichwohl werkgetreue Weise zu interpretieren. Die bereits 1998 entstandene Inszenierung bzw. Bühnenadaption der „Wahlverwandtschaften“ durch die heutige Kemptener Theaterleiterin Silvia Armbruster wurde von der Kritik landauf, landab ebenso lange als „spielerisch“, „phantasievoll“ und „ironisch“ gepriesen – man bescheinigte Armbruster u.a., sie habe den als ersten Ehe-Roman der deutschen Literatur geltenden 400-Seiten-Stoff Goethes „charmant verschlankt“ - beim Gastspiel des „Theaters Wahlverwandte“ im bosco konnte man sich überdies davon überzeugen, dass Regie-Theater witzig sein kann und völlig ohne Eitelkeiten auskommt: Diese „Wahlverwandtschaften“ spiegeln nämlich nicht nur J.W.G.´s eigenen Reifeprozess zwischen „Sturm und Drang“ und altersgemäßem Erkenntnisgewinn, Klassik und Romantik, sie liefern auch noch einige zeitlos gültige Gewissheiten: Zwei Liebende liegen niemals ganz alleine im Bett – sie haben immer auch ihre Projektionen, Sehnsuchtsmenschen und Nachtmahre mit an Bord, und wird die reine Zweisamkeit durch eine oder einen „Hinzutretene(n)“ in irgendeiner Weise gestört oder auch nur verwässert, so bricht rasch mal das emotionale Chaos aus.

Eduard (Hans Piesbergen) fühlt sich jäh zu Charlottes Nichte Ottilie (Corinne Steudler) hingezogen, die ja eigentlich deren vor dem Internat geflohener Schützling ist; Eduards eingeladener Jugendfreund wiederum, der flotte Gartengestalter Otto (Christian Kaiser), hat keine Hemmungen, Charlotte (Julia Jaschke) mit einem „unsinkbaren Boot“ zu umwerben („Darf ich Sie zu einer Ruderpartie einladen, auf das schwankende Element?“) - da kommt zur (aus dem „Kontrakt des Zeichners“ geborgten) Michael-Nyman-Musik natürlich Goethes moralische Kern-Frage auf: Kann man ein guter Mensch sein (bleiben) und doch glücklich leben?

Die geschickt aufs Bosco-Bühnenformat abgestimmte Fassung der „Wahlverwandtschaf-ten“ kommt aufs Schönste mit einfachen Mitteln und bezaubernden Ideen aus: Da wird eine Briefbotschaft Eduards an Otto per Papierflieger übermittelt, wird die schicksalhafte Liebesnacht samt ihren Phantasien wie ein „Sommernachtstraum“ in angedeuteter Laken-Erotik gezeigt. Blaue Stoffbahnen werden zu wogenden Fluten, und der Schützengraben, in den sich die Männer typischer Weise zwischendurch aus der Verantwortung stehlen, regelrecht zum Pulverdampf-Szenario. Der alte Goethe hatte also eine ziemlich desillusionierte, um nicht zu sagen lebenskluge Sicht auf die Irrungen und Wirrungen der menschlichen Natur – und die Armbruster-Version der Neuzeit spiegelt diese Abgeklärtheit mit einem eigenen, wissenden Blick. Doch keiner ist hierbei allzu naseweis: Der dichtende Meister ließ den Widerspruch gelten und auch so bis zum Ende stehen, die Kemptener Regisseurin vermeidet dafür die Besserwisserei der Aufklärung und überlässt die erratisch Liebenden mit sanftem Mitgefühl ihrem (absehbaren) Scheitern. Dazu erklingt am Ende Melanies Song „Ruby Tuesday“: „Who´s gonna hang a name on you – wer will dich beim Namen nennen, Unglück? Starker Applaus des Publikums, das mit der „Ode an die Freude“ an einer Stelle sogar selber mitsingen durfte.


 

Thomas Lochte, 05.05.2018
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2018