Nach(t)kritik

Mi, 14.12.2016
20.00 Uhr
Literatur

Milena jenseits der Briefe

Künstler: 
Bettina Mittendorfer

Franz Kafkas „Briefe an Milena“ zählen zur Weltliteratur, die Adressatin dagegen ist weitgehend unbekannt. Seit längerem hat es sich die Schauspielerin Bettina Mittendorfer zur Aufgabe gemacht, in feinen Literaturprogrammen den Vergessenen oder doch zumindest Unbekannten eine Stimme zu geben, sie zu Wort kommen zu lassen - Lena Christ, Georg Queri, und nun Milena Jesenská jener in Prag geborenen und aufgewachsenen Journalistin und Feuilletonistin, die neben anderen Schriftstellern und Künstlern eben auch Franz Kafka begegnet war.

1896 in Prag geboren, besucht Milena das erste Mädchengymnasium der tschechischen Hauptstadt, die Minerva, wo sie zu einer selbstbewussten und extravaganten jungen Dame heranwächst - eine, die schon mal die Moldau in vollem Ornat durchschwimmt, um keinesfalls ein Rendezvous zu verpassen; eine, die morgens um fünf Uhr im Stadtpark Magnolien pflückt und die ihr Leben als ein Fest begreift, zumindest in jenen jungen Jahren noch. Sie ist Stammgast im Literatencafé Arco, wo sie ihren ersten Mann kennenlernt. Ernst Pollack ist viel älter als sie, ein Lebemann, deutschsprachiger Jude und als solcher ihrem antisemitischen Vater ein Dorn im Auge: um die Geschichte zu beenden, lässt er seine Tochter in eine Nervenheilanstalt einweisen. Als sie volljährig wird, heiratet sie Pollack, nur um von diesem beständig betrogen zu werden. Es wird nicht ihr einziger Mann, nicht ihre einzige Tragödie bleiben. Sie lässt sich scheiden, und es wird auch nicht ihre einzige Scheidung bleiben.

Bettina Mittendorfer lässt die intensiv lebende und vom Leben intensiv gebeutelte Milena Jesenská in kurzen Feuilletons, in Briefen und kleinen Reportagen lebendig werden, verleiht ihr eine Stimme, und ein Leben blättert sich auf in diesen Zeugnissen. Mit großer Klarheit, ganz schlicht und schnörkellos und darum messerscharf direkt lässt Bettina Mittendorfer die Jesenská zu Wort kommen, lässt sie den Raum erobern. Zusammen mit dem Musiker Flori Burgmayr, der am Akkordeon den Lebensbogen spannt von anfänglich lustig tänzerischen Weisen zu immer melancholischeren, traurigeren Melodien und der sich damit wie eine zweite Stimme, wie ein Subton unter die Lesestimme legt, wird hier die Geschichte einer vielschichtigen, feinnervigen und sehr modernen Frau plastisch. Und eines wird besonders deutlich: Franz Kafka, der Name, an den jener der Milena Jesenská so fest verbunden schien, war nur eine - und eher kleine - Episode im Leben dieser Frau.

Sabine Zaplin, 14.12.2016
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2016