Nach(t)kritik

So, 05.11.2017 bis So, 17.12.2017
16:00 Uhr
Ausstellung

Musik, die aus Bildern klingt

Künstler: 
Anne Kirchbach
 
Gran Canaria, Amsterdam, Tokio, Bonn – ein Cellist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks kommt viel herum. Und mit ihm sein Cello. In einem stoßfesten, weißen Cellokasten reist es mit ihm um die Welt - in den Fotografien von Anne Kirchbach wird der Kasten selbst zum Reisenden. Die Kästen, mal geschultert, mal angeschnallt auf den Passagiersitzen auf dem Flug nach Gran Canaria, mal wartend am Gepäckband auf dem Flughafen oder abgestellt am Bühnenrand haben etwas Figürliches, ja, man erkennt doch deutlich Personen in ihnen: Auf den kurvig geschwungenen Körpern sitzen Hals und Kopf, nur Arme und Beine fehlen. Sie sind stumme, sehr geduldige Mitreisende, oftmals leicht ramponiert, mal mit Aufklebern versehen, immer zu Diensten des Musikers, Kasten auf, Cello rein, Kasten zu.
 
Kirchbach war über 20 Jahre lang Hausfotografin an der Bayerischen Staatsoper, heute arbeitet sie als freie Fotografin und begleitet unter anderem das Bayerische Symphonieorchester auf seinen Reisen. Die Celli in ihren weißen Behausungen, die nicht wie die Violinen oder die Bässe im Bauch des Flugzeugs als Gepäckstücke verschwinden, sondern stets mit an Bord dürfen, haben sie in all den Jahren an irgendetwas erinnert. Eines Tages wurde ihr klar, woran: an die Furchtbarkeitsidole der griechischen Kykladen. Die optische Verwandtschaft der Cellikästen mit den archaischen Darstellungen dokumentiert die Fotografin in einem Bild, das sie ganz beiläufig in den Cellokasten-Bilderzyklus einreiht. Die Assoziation war die Initialzündung, wie die Fotografin sagt, seitdem ist sie den weißen Reisebegleitern auf der Spur. Die Bilder wirken wie Schnappschüsse, sind nie gestellt, sondern immer aus dem Moment heraus entstanden. Und sie haben Witz. Auf einem Bild wirkt es, als würde einer der personifizierten Kästen hinter einem Türspalt stehen und beobachten. Bei einem Auftritt in Taormina erscheint es, als schauten sie vom Bühnenrand aus aufmerksam der Darbietung zu.
 
Wechselnde Perspektiven
 
Kirchbach zeigt im Bosco zwei Bilderzyklen – Cello on Tour und Opernsänger expressiv, wie sie die ausgewählten szenischen Porträts der Opernstars bezeichnet, die alle in den letzten zwei Jahren bei den Salzburger Festspielen oder in der Bayerischen Staatsoper aufgenommen wurden. Der Ausstellungsbesucher wechselt dabei die Perspektive: In der Betrachtung der reisenden Cellikästen wird er als Beobachter hinter die Kulissen des Orchesterbetriebs geführt. Beim Anblick der Opernsängerporträts wiederum ist er ganz Betrachter im Zuschauerraum, der einen Moment der großartigen Bühneninszenierung erlebt. Kirchbach hat absichtlich jene Opernstars für die Ausstellung ausgesucht, die expressiv ihren Figuren Konturen verleihen. Kirchbach muss als Fotografin mit dem auskommen, was ihr geboten wird, Szenenbild, Licht, Mimik. Was den Bildern ihre ganz eigene Handschrift verleiht, ist der Moment in dem sie auf den Auslöser drückt, der die Szene einfriert und aus der wiederum alles sprechen muss: der Charakter der Figur und die Musik.
 
So ist ein eindrucksvolles Bild einer entfesselten Sara Maria Sun entstanden, die mit wild fliegenden Haaren die Elsa in Lohengrin gibt, da ist eine Anja Kampe als Brünnhilde zu sehen, ein Steckenpferd schwingend, in der Walküre. Kirchbach ist Opernkennerin durch und durch, sie weiß, wann Stars wie Anna Netrebko als Leonora, Placido Domingo als Graf Luna in Il trovatore oder Barbara Hannigen als Marie in Die Soldaten ihre großen Momente haben. Besonders stimmungsvolle Bilder sind die Szenen aus der Walküre oder die tanzende Gesellschaft im Gegenlicht in Guillaume Tell. Nur einmal weicht Kirchbach von der reinen Dokumentation ab und erlaubt sich eine Stellungnahme, wie sie es nennt: als sie das Porträt von Elina Garanca als Léonore in La favorite nachträglich so bearbeitet, dass die Léonore ganz als Diva, cool wie ein Popstar, im sündig roten Mantel daherkommt.
Kirchbach sagt, sie hört die Musik der fotografierten Szenen, wenn sie ihre Bilder betrachtet. Das geht nicht nur ihr so. Der Ton ist ganz leise gedreht, doch wer genau hinhört, kann die Musik wahrnehmen, die starken Stimmen, die aus den Bildern klingen.
 
Annette Jäger, 05.11.2017
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017