Nach(t)kritik

Mi, 25.04.2018 bis Fr, 18.05.2018
19.00 Uhr
Ausstellung

Nicht nur weit weg, sondern auch in unmittelbarer Nähe

Künstler: 
Hoffnung trotz allem

„Das ist alles so schrecklich und das Thema ist ja heute wieder hochaktuell“, sagte ein älterer Herr gleich beim Betreten des Ausstellungsraums. Als ob die Erinnerung an dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte jemals an Aktualität verloren hätte. Er meinte damit wohl, dass fremdenfeindliche und antisemitische Äußerungen heute in Deutschland wieder salonfähig geworden sind. Das Thema der Ausstellung ist aber auch in diesen Tagen hochaktuell, in denen sich das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt – und es ist auch ein Gautinger Thema:

Am 30. April 1945 befreiten amerikanische Truppen den Ort, sie übernahmen das Lazarett auf dem Gelände der heutigen Asklepios-Klinik und brachten dort Überlebende des Holocaust unter. Gauting wurde zur Auffangstelle für lungenkranke Displaced Persons (DPs), die meisten von ihnen ehemalige Häftlinge aus Konzentrationslagern und viele von ihnen Juden. Für einige sollte Gauting zur neuen Heimat werden.

Der 2001verstorbene Arzt und Holocaust-Überlebende Simon Snopkowski war Mitbegründer der „Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition“. Seiner Witwe Ilse Ruth Snopkowski und der Gautingerin Gerlinde Leib ist es zu verdanken, dass eine noch von ihm selbst konzipierte Dokumentation zu jüdischem Leben in Bayern nach 1945 nun, nach Stationen im Bayerischen Landtag und in Landsberg am Lech, auch in Gauting zu sehen ist. Die Ausstellung trägt den Titel „Hoffnung trotz allem“ und dieser Titel passt ganz besonders für das Schicksal von Rafael Katz, der seine Frau Bronia Lewkowicz in der unmittelbaren Nachkriegszeit im Gautinger Lungensanatorium kennenlernte. Persönliche Gegenstände und Dokumente aus seinem Nachlass, der sich im Gautinger Gemeindearchiv befindet, ergänzen nun die Ausstellung und machen sie, zusammen mit einigen zusätzlichen Tafeln, zu einem greifbaren und ergreifenden Stück Gautinger Geschichte. 

Rafael Katz sollte als Taxiunternehmer eine bekannte Gautinger Persönlichkeit werden. Die Straße am Bahnhof, wo er mit seinem Taxi auf Kundschaft wartete, ist heute nach ihm benannt. Mehr als fünfzig Jahre lebte er mit seiner Familie in Gauting, an der Gartenpromenade hielt er sich Haflinger und machte Heu in seinem Garten – es erinnerte ihn an das Leben im „Schtetl“ seiner rumänischen Heimat. Sein Häftlingsmantel aus dem KZ Dachau ist in der Ausstellung Sinnbild für das, was er überstanden hatte. Seine Frau, eine polnische Jüdin, hatte die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt. In Gauting fanden beide eine neue Heimat. Zunächst waren sie nicht freiwillig im Land der Täter geblieben, die Folgen von Misshandlungen und einer schweren Tuberkulose-Erkrankung machten jedoch für Rafael Katz eine Auswanderung unmöglich. 

Die weitaus meisten jüdischen Patienten konnten das Gautinger DP-Hospital nach einigen Jahren wieder verlassen und auswandern, für mehr als hundert von ihnen gab es jedoch keine Rückkehr und keinen Neuanfang mehr: Sie hatten Verschleppung, Konzentrationslager und Zwangsarbeit überlebt, sie waren befreit worden, sie hatten Hunger und Entbehrungen überstanden und starben – oftmals Jahre später – in Gauting an ihrer Tbc-Erkrankung. Neben dem Gautinger Friedhof wurde ein jüdischer Friedhof angelegt, auf dem sie bestattet wurden. Auch jüdische Menschen aus anderen DP-Lagern wurden hier begraben. Das 1947 auf dem Friedhof errichtete Mahnmal für die Opfer des Holocaust, ein Obelisk mit hebräischer Inschrift, wird in der Ausstellung als das erste auf deutschem Boden bezeichnet. 

Die Ausstellung dokumentiert auch, dass die Mahnmale für die Opfer des Todesmarsches, die zwischen 1989 und 2009 an verschiedenen Stationen errichtet wurden, auf eine Initiative von SPD und Grünen im Gautinger Gemeinderat zurückgehen. Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim entwarf dafür ein wiederkehrendes Motiv von sich drängenden, kahlköpfigen und ausgemergelten Gefangenen. Es soll daran erinnern, dass nicht nur weit weg in Auschwitz, sondern auch in unmittelbarer Nähe, an Orten im Würmtal, im Isartal und im Alpenvorland, Untaten unfasslicher Art geschahen. Am Abend des 26. April 1945 hatte sich für rund 7000 Gefangene das Tor des Konzentrationslagers Dachau geöffnet. Der Weg führte für die Häftlinge zunächst nicht in die Freiheit, sondern für eine große, nicht mehr genau feststellbare Zahl unter ihnen in den Tod. Sie marschierten durch das Würmtal und dann am Ostufer des Starnberger Sees entlang weiter in Richtung Wolfratshausen und Bad Tölz. Dabei waren sie ihren Peinigern nach wie vor schutzlos ausgeliefert, obwohl die Truppen der Alliierten täglich näher kamen. Das Verhalten der SS-Bewacher erfüllte die Menschen vielerorts mit Abscheu und Entsetzen. Die Versuche, die Häftlinge mit Nahrung und Kleidung zu versorgen, wurden jedoch brutal unterbunden. In der Ausstellung wird Solly Ganor, einer der Überlebenden des Todesmarsches, zitiert: Er wunderte sich, dass die Menschen aus den Häusern kamen und den Häftlingen Brot geben wollten.

Die Ausstellungseröffnung am Mittwochabend war zugleich Auftakt für eine Veranstaltungsreihe zum Thema. Der Verein „Gedenken im Würmtal“ organisiert den alljährlichen Gedenkzug für den Todesmarsch, in diesem Jahr auch Führungen über den jüdischen Friedhof und das Gelände des ehemaligen DP-Hospitals.

Katja Sebald, 26.04.2018
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2018