Nach(t)kritik

Mi, 11.01.2017
20.00 Uhr
Literatur

Nichts geht verloren

Künstler: 
Gerd Holzheimer

Schon vor gut zwanzig Jahren riefen Akademiker - darunter nicht wenige Literaturwissenschaftler und Semantiker - das Zeitalter der Beliebigkeit aus. „Anything goes“, lautete damals der Schlachtruf, den noch niemand twittern konnte, zu dem es keinen Snapchat gab, keinen # Hashtag, vielleicht maximal einen Eintrag bei Google. Und vielleicht hat damals seinen Anfang genommen, was heute zu ebenso erstaunlichen wie katastrophalen politischen Aufstiegen führt, zu Wahlentscheidungen unter dem Motto „Denen zeigen wir´s jetzt mal“ und zu selbst ernannten Volkstribunen, denen ein paar Slogans als Programm genügen - austauschbare Slogans, selbstredend. Möglicherweise war diese sogenannte Postmoderne, die sich anschickte, das Ende der Moderne auszurufen, der Anfang von all dem. Es ist aber auch durchaus denkbar, dass der eigentliche Anfang noch viel weiter zurückliegt. Vielleicht in Rom. Im Rom des Augustus.

„Wie hätten wir´s denn gern“, lautet der Titel einer neuen Literaturreihe von Gerd Holzheimer, in der dieser eine Demokratie des Anything goes in Frage stellt, eine Staatsform unter die Lupe nimmt, die jeder per Twitter oder Facebook mit gestalten kann. Teil 2 beschäftigte sich an diesem Mittwochabend mit der res publica der Römer. Textauszüge römischer Denker, Dichter und Staatsmänner wurden von Ernst Matthias Friedrich gelesen, während Gerd Holzheimer die Verbindungen schuf, den Bogen baute.

Vor allem aber war es der Dialog zwischen Friedrich und Holzheimer, welcher den wunderbar diskursiven Ton des Abends bestimmte. Da fanden sich zwei, die wohl in vielen vorangegangenen Gesprächen die Fragen der Alten Römer bewegt, bedacht, auch zuweilen amüsiert beschmunzelt hatten, in der bar rosso wieder und spielten einander die Bälle zu. Eigentlich, bekennt Holzheimer, sind ihm die Römer immer ein wenig fremd geblieben. Die Griechen, das Altgriechische und die ganze griechische Dichtkunst liegen ihm viel näher als ausgerechnet diese lateinischen Texte. Überhaupt Latein - diese Sprache der klaren Regeln, des Kantigen, Abgezirkelten. Hätte es nicht einen ausgezeichneten Lateinlehrer und neben diesem noch weitere engagierte Lehrer gegeben, so wäre ihm diese ganze Epoche wohl niemals nahe gebracht worden. „Elegie auf einen Lateinlehrer“, dieses Gedicht des zeitgenössischen Lyrikers Jan Wagner, findet denn auch folgerichtig seinen Platz im Programm des Abends. Aber auch Vergil, Horaz, Senegal und gottlob der wunderbare Ovid bekommen die Stimme Friedrichs und finden so Gehör.

Ud so wird offensichtlich, was die beiden Künstler bewegt, was wie ein roter Faden ihren literarisch-historischen Dialog bestimmt: wie ist es möglich, dass auf einen Augustus, auf einen Marc Aurel doch irgendwann ein Caligula und ein Nero folgen? Wie kann auf Vernunft, auf die Bescheidenheit eines, der „nicht verkaisern“ möchte, auf einmal Willkür und Wahnsinn, Überheblichkeit und Überschätzung, gar Chaos, Zerstörung folgen? Gerade erst ist nach Jahren des Krieges, der Alleinherrschaft eine Republik entstanden, und schon ist diese wieder gefährdet. Gerade blüht ein so großes, Grenzen aufhebendes Reich auf, da brennt es schon wieder an allen Ecken und Enden. Aus der heutigen Perspektive betrachtet, lautet die Frage: Wie fest sind unsere Grundlagen in Europa, in der Welt, dass dieses und diese einen Putin, Orban, Erdogan, einen Trump überleben?

Nichts behält seine Gestalt, so lautet die Kernaussage der Metamorphosen des Ovid. Alles wandelt sich, alles wird verwandelt. Nichts bleibt so bestehen, wie es mal war. Aber trotzdem ist da die Gewissheit: nichts geht in dieser Welt verloren. Das klingt als Trost wesentlich kleiner, als es ist - bedeutet es doch: was einmal im Guten gedacht wurde, als edler Gedanke in die Welt kam, das wird bleiben. Wird hoffentlich stärker sein als all die schlechten Gedanken. Als Nero und Caligula.

Sabine Zaplin, 11.01.2017
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2017