Nach(t)kritik

Di, 30.01.2018
20.00 Uhr
Schauspiel

Nichts ist ungeheurer als der Mensch

Künstler: 
Theater der Altmark
Irritationen gleich zu Anfang. „Wir sitzen seit Jahren auf diesen Plätzen“, sagen die einen. „Nein, Sie sitzen auf unseren Plätzen“, sagen die anderen. Ganz vorne ist eine zusätzliche Stuhlreihe eingefügt worden, deshalb rutschen alle anderen nach hinten. Später am Abend wütet König Kreon hier vorne und wirft mit den mitgebrachten Metallstühlen. Da mag dann der eine oder andere doch froh sein, dass er ein bisschen mehr Abstand hat. Und noch etwas ist anders bei dieser Antigone: Bevor es losgeht, fasst ein Sprecher das Geschehen zusammen. Die Rede ist von einer „schwierigen Vergangenheit“ der Beteiligten und von einem „Beerdigungsproblem“. Es folge „der normale Verlauf“ mit „einer weiteren Runde der Gewalt“ und „am Ende siegt die Trauer“. Ganz klar, das soll die zeitgemäße Übersetzung von „Überhebung büßt mit großem Falle“ sein. Die Botschaft: Es könnte auch heute sein, es könnte auch ein Krieg unserer Zeit sein, ein Machtprotz unserer Tage und eine mutige Frau von heute. Oder anders gesagt: Man kann Recht haben und trotzdem nicht Recht behalten. Was gilt Staatsgewalt, wenn es um Nächstenliebe geht? Wo liegt die Grenze zwischen konsequenter Pflichterfüllung und Unmenschlichkeit? 

Aufs Hier und Jetzt verweisen auch die Bilder einer zerbombten Stadt, die auf die Bühnenarchitektur projiziert werden. Später sind es dann Menschenmengen im städtischen Getriebe. Beim Kampf um Theben sind die beiden Söhne des verfluchten Königs Ödipus gestorben, der eine hat die Stadt als Aufrührer angegriffen, der andere hat sie verteidigt. Kreon, der Onkel der beiden, hat die Macht an sich gerissen und verfügt für den ruhmreichen Eteokles ein Staatsbegräbnis, während der Verräter Polyneikes unbestattet bleiben und von Vögeln und Hunden zerfressen werden soll. Es geht ihm vordergründig darum, den gesellschaftlichen Frieden, vor allem aber darum, seine eigene Position zu sichern. Die Brüder haben sich gegenseitig umgebracht, zurückgeblieben sind ihre beiden Schwestern. „Im Tode sind sie beide gleich“, sagt Antigone. Weil sie auch ihn als ihren Bruder liebt, beschließt sie, Polyneikes trotz des bei Todesstrafe verhängten Verbots zu begraben. Denn würde Polyneikes keinen Einzug ins Totenreich finden. Sie wird gefasst und zum Tode verurteilt, obwohl sie mit Haimon, dem Sohn des Kreon, verlobt ist. Kreon vertritt das Recht, Antigone die Liebe. Kreon die von Menschen gemachten Gesetze, Antigone die von Gott gegebenen. „Es ist verboten“, sagt hingegen Ismene, die sich dem neuen Machthaber unterordnen will. Und Haimon schließlich will den Vater davon überzeugen, dass man auch nachgeben geben, ohne sein Gesicht zu verlieren: „Für einen Mann, und wenn’s ein Weiser wäre, ist Lernen keine Schande.“ Als Kreon endlich seinen Fehler erkennt, sind alle tot. Am Ende siegt die Trauer. „Ungeheuer ist viel, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch.“

Mit der „Antigone“ aus der aktuellen Spielzeit des Theaters der Altmark kehrt Alexander Netschajew noch einmal ins Bosco zurück, wo er selbst oft genug auf der Bühne stand. Diesmal allerdings ist er nicht als Schauspieler da, sondern als Regisseur des Theaters in Stendal. Auch jetzt setzt er ganz auf die Wirkung der Sprache: Das gilt insbesondere für König Kreon im weißen Businessanzug, der sich erst aalglatt gibt, dann rechthaberisch und zuletzt am eigenen Rechthaben zerbrochen, anfangs im Ton des smarten Managers, dann mit ein bisschen Trump-Gepolter, dann nur noch Tragik. Antigone im schwarzen Kleid mit schweren Stiefeln und Ismene im rosaroten Prinzessinnenkleid sollen gegensätzliche Haltungen verkörpern, sie bleiben hier jedoch beide, jede auf ihre Weise, sehr mädchenhaft. Die beiden weißgeschminkten Figuren des Chors sind durchweg von großer Präsenz. Der als komische Figur angelegte Wächter überzeugt ebenso wie Haimon, der sich dem Vater entgegenstellt. Die Bühne, anfangs durchaus pathetisch mit Bühnennebel und Videoprojektionen, wird nach und nach zum nackten Raum, in dem die Akteure ganz auf sich zurückgeworfen sind. 
Katja Sebald, 31.01.2018
Galerie 
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