Nach(t)kritik

Fr, 17.11.2017
Kinder

Schiffsmeldungen zwischen Licht und Schatten

Künstler: 
Theater der Schatten

Nichts in der Welt geht verloren, hat der Großvater gesagt. Und er hat recht behalten. Vielleicht ist etwas Liebgewonnenes mal für eine gewisse Zeit verschwunden, vielleicht fällt es unbemerkt unter den Tisch oder versteckt sich jenseits des Lichts im Dunkeln. Aber es ist doch da. 

Mattis Schiff zum Beispiel. Er hat es auf dem Wochenmarkt beim Trödler entdeckt, hat es sich vom ersparten Taschengeld geleistet und daheim wieder hergerichtet. Die Großmutter hat di Segel genäht, der Großvater hat ihm zu Weihnachten einen kleinen hölzernen Kapitän geschnitzt. Doch dann geschah das Unglück: als Matti im Frühjahr das Boot auf dem Fluss schwimmen ließ, hat es sich selbständig gemacht und ist davongesegelt, bis hinaus ins offene Meer. Unendlich traurig war der Matti, denn er konnte ja nicht ahnen, dass sein kleines Segelboot da draußen auf dem Meer ein weit größeres Unglück verhindern half. Genau darum ist es wohl auch zu ihm zurückgekehrt, und auch der kleine hölzerne Kapitän war nur unterm Sand am Meeresstrand verborgen…

„Mattis Geschenk“, heißt das Stück, mit dem das Bamberger Theater Der Schatten heute vormittag Gautings Kindergartenkinder verzauberte. Drei Fragen stellte Spieler Norbert Götz gleich zu Beginn: „Alles gut bei euch? Habt ihr Lust auf eine Geschichte? Mögt ihr Schiffe?“ Selbstverständlich konnten die Kinder alle drei Fragen mit „Ja“ - und die meisten von ihnen sogar mit dem erbetenen stillen Kopfnicken - beantworten, und schon hatte Götz sie hineingezogen in den Bann aus Phantasie und Erzählkunst. Zwei Elemente standen in diesem rund 40-minütigen Spiel im Vordergrund: das Figurenspiel und der Dialog von Licht und Schatten. Die Figuren waren puppenstubengroß und agierten mit all dem, was in fast jeder Kinderzimmertruhe zu finden ist: viele hölzerne Schiffe zu Beginn, die auf dem Tisch verteilt zur Hafenszenerie wurden (und die später, zum großen Vergnügen der Kinder, als vorüberziehende Flusskulisse einfach am hinteren Tischende herunterfielen); eine Pappwand, die das Großelternhaus war, ein blaues Seidentuch für den Fluss. Ebenso einfach entstand das Schattenspiel: eine Schreibtischlampe, die zu Beginn noch als Ladekran im Hafen eingesetzt wurde, lieferte das Licht, ein weißes Tuch wurde zur Leinwand, und eine Farbscheibe tauchte die Szenerie später in nächtliches Blau. Eine Kerze sorgte für das Licht der Weihnacht, ein Fahrradlicht wurde zum Leuchtturm. Es wäre ein Wunder, wenn die kleinen Zuschauer nicht heute Abend zuhause selber Theater spielen würden.

Und wie ein Wunder endete die Vorstellung: „Macht mal fest eure Augen zu“, bat Norbert Götz, „und legt auch eure Hände noch davor.“ Erst dann ging im Saal das Licht wieder an, und verwundert rieben sich alle die Äuglein…

Sabine Zaplin, 17.11.2017