Nach(t)kritik

Fr, 11.05.2018
11:00 Uhr
Schauspiel

Schmetterlinge in Theresienstadt

Künstler: 
Pantaleon Figurentheater

„Fritta“, bellt der SS-Mann die klapprige Gestalt in gestreifter Häftlingsuniform an, „Ihr Juden habt immer so tolle Witze. Erzähl mal einen.“ Und Fritta erzählt. Von den beiden jüdischen Attentätern, die vergeblich an einer Kreuzung darauf warten, dass Adolf Hitler mit seinem Konvoi hier wie gewöhnlich um diese Zeit vorüberfährt. „Nu“, sagt der eine zum anderen, nachdem der Konvoi nicht mehr zu kommen scheint, „es wird ihm doch nichts passiert sein?“

Bedrich Fritta ist ein Prager Graphiker und Karikaturist. Die Nazis deportieren ihn und den erst einjährigen Sohn Tommy im Jahr 1942 nach Theresienstadt, denn der kritische Zeichner ist ihnen auch in politischer Hinsicht ein Dorn im Auge. So wird der kleine Tommy zum jüngsten politischen Häftling in Theresienstadt. Sein Vater versucht, dem kleinen Kerl, der nichts außer den Lageralltag kennt, von der Welt da draußen zu erzählen und von all dem, was er tun wird, wenn er einmal groß ist.

„Wenn du einmal groß bist“, heißt das Menschen- und Figurenspiel, mit dem das Pantaleon Figurentheater im Rahmen der Ausstellung „Hoffnung trotz alledem“ vor Schülern der Realschule Gauting im bosco gastiert. In der Regie von Ioan C. Toma spielt Alexander Baginski mal den KZ-Aufseher, dann den Häftling Fritta, dann wieder führt er die Figuren des Häftlings und des kleinen Tommy. Am Akkordeon gestaltet Maria Dafka auf musikalische Weise die Szenerie.

Basierend auf der tatsächlichen Geschichte um das Bilderbuch „Für Tommy zum dritten Geburtstag“, das Fritta im Lager für seinen kleinen Sohn gezeichnet und es dort versteckt hat, entfaltet Baginski eine Geschichte, die wohl wie kaum eine andere von Hoffnung erzählt, die trotz Hass und Vernichtung entstehen kann und die an Aktualität nichts eingebüsst hat. 

Im Hintergrund ist eine düstere Zeichnung als Prospekt vergrößert, eine Zeichnung von Bedrich Fritta, eine seiner berühmten Zeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt. Davor ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Holzkästchen mit Stiften und Pinseln. Daraus wird mal der Verhörraum, mal das schäbige kleine Zimmer, in dem die Familie lebt. Und während im Verhör die ganze Brutalität des Lagers, die Perfidie der Vernichtungsmaschinerie sichtbar wird, entfaltet sich im kleinen Stüblein die Kraft der Phantasie, aus der die Hoffnung wächst. Sie wächst aus den auf gestohlenen Karteikarten gezeichneten bunten Bildern, mit denen Fritta dem kleinen Sohn ein Fenster öffnet hinaus in die Welt. Ein Schmetterling beispielsweise. „Wo sind die Schmetterlinge?“ fragt der kleine Tommy, und als sein Vater ihm erklärt, die wären auf der Blumenwiese, schaut er erstaunt auf. Noch nie hat er eine Blumenwiese gesehen. Natürlich auch noch nie einen Indianer oder einen Eskimo, für ihn teilt sich die Menschheit in die mit den gestreiften Jacken und in die Schreihälse mit den Stiefeln. Erst die Zeichnungen des Vaters lassen Tommy einen Blick werfen auf das, was es hinter dem Stacheldraht gibt.

Ein bisschen erinnert diese Geschichte an den Film „Das Leben ist schön“ von und mit Roberto Benigni. Auch hier versucht ein Vater, seinem Kind einen kindgerechten Alltag zu bieten, allen Widrigkeiten zum Trotz. Und da, wo Benigni die Szenen der Lagerhierarchie zu einem Spiel erklärt, entfaltet Bedrich Fritta mit dem Humor des Karikaturisten eine Geschichte: als er eines Tages einen wunderschönen Haufen gestreiften Stoffes entdeckt habe, sei er damit zu einem Freund gegangen und der habe ihm daraus seine Jacke geschneidert; die habe bei allen anderen im Lager so viel Neid erweckt, dass sie auch eine solche Jacke haben wollten. „Und die Schreihälse in den Stiefeln?“ will der kleine Tommy wissen. „Die wollten natürlich auch so eine haben, aber leider hat der Stoff nicht gereicht, und darum schreien sie jetzt so herum“, antwortet der Vater.

Bedrich Fritta, erzählt Baginski nach der Vorstellung den Schülern, wurde 1944 in Auschwitz vergast, Tommys Mutter starb im Lager Theresienstadt, der kleine Junge hat überlebt. Das Bilderbuch, das er von einem Freund des Vaters zu seinem 18. Geburtstag bekam, ist vor drei Jahren auf Deutsch erschienen. Und das Stück „Wenn du einmal groß bist“ vom Pantaleon Figurentheater  setzt ihm ein wunderbares Denkmal.

Sabine Zaplin, 11.05.2018