Nach(t)kritik

Do, 30.03.2017
20.00 Uhr
Literatur
Schauspiel

Sehnsucht nach dem Traurigsein

Künstler: 
Krista Posch & Peter Ludwig

„Wenn ich mir was wünschen dürfte, käm ich in Verlegenheit“, heißt es in einem Lied von Marlene Dietrich, „was ich mir denn wünschen sollte, eine schlimme oder gute Zeit.“ Es könnte ein Lied zur Geschichte von Elisabeth sein, der jungen Frau, die ihre Arbeit verliert und fortan vergeblich versucht, ihr Glück wiederzufinden. Der Versuch, selbständig zu arbeiten, scheitert am fehlenden Gewerbeschein und zieht eine Geldstrafe nach sich; das Bemühen um den Gewerbeschein scheitert an der nun bestehenden Vorstrafe; ein Kreditangebot, basierend auf einem Missverständnis, verwandelt sich in ein Strafverfahren wegen Betrugs und endet in einem Gefängnisaufenthalt, welcher wiederum eine sich vorsichtig anbahnende Verlobung zerstört. Noch lange glaubt Elisabeth an eine gute Zeit, hofft auf das Glück, doch in ihrem Leben reihen sich die schlechten Zeiten wie Perlen aneinander. Ein bisschen Glaube, ab und zu Hoffnung, sehr wenig Liebe.

„Glaube Liebe Hoffnung“, Ödön von Horváths „kleiner Totentanz in fünf Bildern“, präsentiert Krista Posch als einen dichten Hörspielreigen mit soggleicher Abwärtsbewegung, als Höllenritt der Verlierer in einer Gesellschaft zwischen Karrierekampf und Sozialneid. Sie spricht und gestaltet sprechend sämtliche knapp zwanzig Rollen dieses Theaterstücks, bewegt sich dabei in den von Peter Ludwig am Klavier geschaffenen Klangräumen wie in einem imaginären Bühnenbild. Die Musik wird zum Boden der Geschichte, zu ihrem Horzont, ihrem Abgrund. Und Krista Posch verwandelt sich von der Elisabeth in die Geschäftsfrau Irene Prantl, in den Schupo Alfons Klostermeyer, in die Präparatoren verschiedenster Hierarchiestufen des Anatomischen Instituts und in alle anderen, denen Elisabeth auf ihrem Weg aus einem Frühlingsbüro bis hinunter in den eiskalten Novemberfluss begegnet.

In seiner Dichte und Eindringlichkeit dieser konzentrierten Lesefassung wird aus dem auf einer Gerichtsreportage der frühen Dreissiger beruhenden Drama eine Geschichte von verstörender Aktualität. Dass der „Wohlfahrtsstaat“ von manchen nach Strich und Faden ausgenützt würde, dass die Hilfsbereitschaft der einen den betrügerischen Absichten der anderen zunichte gemacht würde und dass die eigenen Gefühle und Sehnsüchte den vorherrschenden Karriereidealen entgegen stehen, sind sehr gegenwärtige Themen und Schlagwörter. Da, wo eine Gesellschaft auseinander zu driften droht, tut sich jener Abgrund auf, der mit einem Spagat nicht mehr zu überwinden ist und in dem die Ungeübten leicht versinken. Da wagt man am Ende nicht mehr viel zu wünschen als „ein bisschen glücklich“ zu sein, denn „wenn ich gar zu glücklich wär’, hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“ Und dieses Traurigsein versteht kaum einer besser zu erzählen als Horváth.

Sabine Zaplin, 30.03.2017
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2017