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Nach(t)kritik

Señor Burns: Hippe Plakatkunst

An den Wänden ein Hauch von San Francisco und Flower Power. Die „bar rosso“ ein lässiger Club mit Live-Musik. Und vor allem: Endlich einmal ein deutlich jüngeres Publikum im Bosco. Am späten Sonntagnachmittag wurde die Ausstellung „1,2,3,4!“ – oder besser „one two three four!“ – eröffnet. Zu sehen sind Siebdruck-Plakate – oder besser gesagt Gig Posters – von Bernd Hofmann – oder besser gesagt Señor Burns. 

Unter diesem Künstlernamen betreibt Bernd Hofmann eine Werkstatt für Illustration und Artwork in Haidhausen und unter diesem Namen hat er sich in der Münchner Musikszene einen Namen als Gestalter von Siebdruckplakaten als Konzertankündigungen gemacht, Gig Posters eben. Der Siebdruck ist ein Druckverfahren, bei dem die Druckfarbe durch ein feinmaschiges Gewebe, ein Sieb, hindurch auf das zu bedruckende Material gedruckt wird. An denjenigen Stellen des Gewebes, wo dem Druckbild entsprechend keine Farbe gedruckt werden soll, werden die Maschenöffnungen des Gewebes durch eine Schablone farbundurchlässig gemacht. Für jede Farbe wird ein neues Sieb und ein weiterer Druckvorgang benötigt. Allein das aufwendige manuelle Verfahren, das nur Kleinstauflagen ermöglicht, macht die Poster in unserer schnelllebigen Zeit zu einem Anachronismus. Und genau das macht auch ihren Reiz aus. 

Der Siebdruck wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von San Francisco aus in den USA vor allem im Bereich der Werbung eingesetzt. Hier entwickelte sich in den Sechzigern auch eine eigene Bildsprache für die Gig Poster, einige Motive haben – wie die Bands aus dieser Zeit – selbst Kultstatus erlangt. Heute lassen sich „The Notwist“ oder „Kofelgschroa“ und noch viele andere mehr von Señor Bruns solche Retro-Plakate für ihre Touren gestalten. Auch einige Münchner Veranstalter leisten sich den Luxus dieser Siebdruckplakate zur Ankündigung von Konzerten, wobei der Luxus nicht nur in der aufwendigen Herstellung besteht, sondern auch in der aufwendigen Plakatierung: Die Poster müssen nämlich immer wieder neu aufgehängt werden, sie finden in der Regel schnell Liebhaber, die sie heimlich abhängen und mit nach Hause nehmen. 

Der Titel der Ausstellung, der für das Einzählen zur Eröffnung eines Songs steht, zeigt schon, wie nah Senor Burns an seinem Thema ist. Für jedes Plakat lässt er sich vom Namen der Band, von ihrer Musik und von ihren Songtexten inspirieren. So bekommt eben „Kofelgschroa“ einmal ein ein heiter-pastelliges Plakatmotiv, auf dem Wäsche an über die Straße gespannten Leinen trocknet, und ein anderes Mal ein verwegenes Downhill vom namensgebenden Berg in kantig-düsterer Bildsprache. Es gibt Erdbeermotive in psychedelischen Kreisen oder eine einzelne rote Blüte, ein riesiges Frittenbudenmonster oder zwei winzige Plakatmaler mit Sprechblasen, die das angekündigte Event kommentieren. Jedes einzelne Poster ist eine Mischung aus Comic und Artwork, aus bezaubernd altmodischer Pop Art und hipper Grafikgestaltung, jedes erzählt eine kleine Geschichte – und jedes ist ein kleines Kunstwerk.
Katja Sebald, 02.11.2014


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.