Nach(t)kritik

Mi, 14.03.2018
20.00 Uhr
Schauspiel

Sterbefein

Künstler: 
Hamburger Kammerspiele & Theater Wolfsburg

Auf einmal ist sie doch da: die Kindheit. Eigentlich längst vergangen, längst abgeschlossen gewähnt, taucht sie aus der Tiefe auf in Form einer Erinnerung an das Zu-Bettgeh-Ritual. Die Mutter, erinnert sich Agnes, hat mit ihr am Bett gesungen, „Guten Abend, gute Nacht“, hat ein Gebet gesprochen, „zwei Englein rechts und links“, das Licht gelöscht und die Tür noch einen Spalt breit aufgelassen, so dass ein Lichtstrahl sich ins Zimmer schleichen und alles umhüllen konnte, das Bett, das Kind im Bett und die zwei Englein rechts und links. Das ging so lange, bis die kleine Schwester auf die Welt kam und Agnes auf einmal allein ins Bett gehen sollte - „Du bist doch jetzt schon so groß“. Kein Spalt, kein Lichtstrahl, keine Englein. Kein Kind mehr. Agnes steht im verlassenen Elternhaus, muttervaterseelenallein und widmet sich der Aufgabe, „Die Dinge meiner Eltern“ zu sortieren und das Haus auszuräumen. Das Haus, in dem so viel gefeiert wurde, Karneval, Konfirmationen. Das Haus, in dem auch Trauerfeiern stattfanden. Das Haus voll der Dinge am Flutsaum eines Familienlebens. Gilla Cremer ist Agnes, die Schauspielerin erzählt in ihrem Solostück von einer Haushaltsauflösung nach dem Tod der Eltern. Erzählt und spielt vor einer Wand aus Umzugskartons, wie aus dem Auflisten und Einteilen des Hausrats in „Behalten“, „Verkaufen“, „Verschenken“ und „Wegwerfen“ Stück für Stück die eigene Kindheit freigelegt, die eigene Lebensgeschichte gesichtet wird. 

Mit dem Tod der Eltern ist die Kindheit endgültig vorbei. Barbara Dobrick schreibt davon in ihrem Buch „Wenn die alten Eltern sterben. Das endgültige Ende der Kindheit“, und vieles, was in ihren Gesprächen mit „verwaisten“ Erwachsenen auftaucht, ist auch im Theaterstück Gilla Cremers zu finden: der Verlust des sicheren Nestes Elternhaus, die Auflösung der Familie, das Aufrollen der eigenen Lebensgeschichte, der Blick in die Tiefe der Bindung zu den Eltern. Und eben das endgültige Ende der Kindheit.

Gilla Cremer findet Bilder für diese Themen, die gerade durch ihre Einfachheit bestechen: anfangs steht sie im geblümten Kleid der Mutter vor den Kisten wie ein am Bahnhof vergessener Gast und will den Schwestern Reibekuchen backen. „Die kann nur Mutter backen, Du nicht, auch wenn du ihr Blümchenkleid trägst“, erklärt die jüngste Schwester. Später sind alle Schwestern abgezogen, und Agnes schält sich aus dem Blümchenkleid, unter dem ein grünes Kinderkleid auftaucht. Oder die Erinnerung an den Vater: sie steht fest im Raum, hält in der rechten Hand einen imaginären Faustkeil, in der linken ein imaginäres Smartphone. „Zwischen diesen beiden Schweizer Messern“, hat der Vater immer den Hang der Menschheit zum einfachen Multifunktionsgerät erklärt, „liegt die ganze Kulturgeschichte.“ Und zwischen seinen Büchern und Mutters Nähmaschine liegt sie ebenfalls. Jede Familie hat ihre Codes. „Sterbefein“, hieß der Code im Haus von Agnes´ Familie. Man müsse alles jederzeit sterbefein hinterlassen, hat die Mutter immer vor einer Reise gesagt oder auch einfach dann, wenn jemand das Haus verließ. „Man weiß doch nie, was kommt.“ Am Ende des Soloabends ist die Bühne sterbefein. Agnes hat sich die Dinge ihrer Eltern an den Leib geschneidert. Nun kann sie das Buch ihrer Kindheit zuklappen.

Sabine Zaplin, 14.03.2018
Galerie 
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2018