Nach(t)kritik

Do, 14.12.2017
20.00 Uhr
Kabarett

Verklebte Faszien

Veranstaltung: 
Künstler: 
Stephan Zinner

Jetzt, da der Söder Markus bald am Ziel und „die Macht mit ihm“ sein wird, kann sich sein Nockherberg-Double Stephan Zinner als erklärter „Star Wars“-Fan wichtigeren Aufgaben im Weltall zuwenden. Etwa den „verklebten Faszien“ falsch trainierender Zeitgenossen aus der Muckibude oder diesen grauen Rollkoffer-Zombies, die zu bestimmten Tageszeiten auf den Flughäfen die Mehrheit zu bilden scheinen. Zinner, der gebürtige Trostberger und leidenschaftlicher AH-Fußballer, hat sein Typenkabarett gegenüber dem Programm „Wilde Zeiten“ (2015) noch erweitert: Seine geschmeidige Begabung, solchen Deformierungserscheinungen des modernen Menschen die passende Sprache und Körperlichkeit zu geben, ist schier unbegrenzt – da gibt es den keuchenden Amateurradler im Presswurst-Outfit, die aus KGB-Beständen stammende Krankenschwester-Domina und natürlich den raumgreifenden SUV-Fahrer als ewigen Lieblingsfeind. Hier schwingt das Wort vom Lackaffen unhörbar mit, auch wenn es nur um einen „Lackschaden“ geht: Stephan Zinner hat sie einfach dick, diese Überholspurmenschen der Neuzeit, und das spricht er auch immer wieder aufs Schönste laut aus. Seine „Botschaft“, wenn man so will, lautet auf gut Bairisch: „I glaab, ma ko ganz guat durchs Lebn kemma, wemma´s net so wichtig nimmt.“

Das Programm „Relativ simpel“ setzt diese entspannte Grundhaltung des dreifachen Famlienvaters Zinner konsequent in Szene: Dem Bob-Marley-Epigonen unter den Spezln des Sohnes bietet er an, gemeinsam das Gewürzregal aufzurauchen; für die Paketflut der Lieferdienste macht er fast klaglos den „Präsenz-rentner“, der jede Lieferung annimmt. Zinner arrangiert sich mit den Anforderungen der Ü 40-Generation, alt genug, der eigenen Jugend nicht mehr nachzuweinen, und jung genug, noch mal die Sau raus zu lassen. Bleibendes Element neben AH-Fußball und Begegnungen mit Idioten im weißen Range Rover ist der recht gut intonierte Blues, den Zinner zusammen mit seinem Schlagzeuger Andi Kaufmann immer dann anstimmt, wenn der sonstige Text zu Ende ist, also quasi als Überbrückungskabel zwischen den einzelnen Kabarett-Blöcken: Das ist erholsam, klingt gut und macht auch Zinner großen Spaß, denn in ihm lebt ja auch noch der alte Lagerfeuer-Barde mit der Gitarre und der leichten „Mojo“-Pose fort. Politisch wird der Mittvierziger diesmal gar nicht, abgesehen von einer Björn (oder doch Bernd?) Höcke gewidmeten, schnarrenden Einlage à la Adolf Hitler – vielleicht trainiert Zinner ja auch längst wieder den „Södi“, den er schon als eine Art Samurai interpretiert hat. Was Stephan Zinner vor allem auf Lager hat, sind erstklassige Kurzparodien wie die vom „Bauernbüffe mit Lautauswurf“ oder Plaudereien aus dem familiären Nähkästchen. Die eigene Frau ist Ärztin und offenbar dem Präventionsgedanken anheim gefallen - Zinner berichtet tapfer: „Ich bin einer der weniger Männer, die gegen Gebärmutterkrebs geimpft sind!“

So geht das, durchsetzt von sehr hörenswerten Musikeinlagen, gut zwei Stunden lang dahin. Vergnüglich, harmlos und „relativ simpel“, wie es der Programmtitel versprochen hat. Das Publikum amüsierte sich prächtig über das Leichtverdauliche, war es doch endlich mal nicht intellektuell gefordert. Immerhin sollte man den Marlon-Brando-Sprech dechiffrieren können oder sich wie Sport-Freund Zinner mit den wichtigsten Doper-Namen der jüngeren Tour-de-France-Geschichte auskennen oder mit den „wuisligen“ Pop-Musikern der Heul-Halt-Generation um Xavier Naidoo. Die kann der Stephan nämlich nur schwer ertragen, und das macht ihn einem unbedingt sympathisch, auch wenn er das Geerdetsein ein bisschen zu stark raushängen lässt: Verklebte Faszien muss dieser Mann gewiss nicht befürchten.

Thomas Lochte, 15.12.2017
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2017