Nach(t)kritik

Sa, 27.01.2018
19:30 Uhr
Literatur

Von Oktopussen, Stubenfliegen und Zitroneneis

Künstler: 
Der Lyrikstier 2018
Bereits zum zweiten Mal in dieser Spielzeit galoppiert ein Stier über die Bühne des Bosco – nach dem „Europa“ – Motto des Literaturpreises im Dezember 2017, ist es nun der Lyrik-Stier, der das Kulturhaus zur Arena macht. Zum zehnten Mal findet der Gedichte-Wettbewerb, initiiert von Anton G. Leitner, Lyriker und Herausgeber der Zeitschrift „Das Gedicht“, bereits statt und ausgerechnet im Jubiläumsjahr musste die Veranstaltung umziehen. Das Wirtshaus Schuster in Hochstatt, das neun lange Jahre Gastgeber für Lyrisches und Poetisches war, schloss seine Pforten – aber das Bosco öffnete seine Arme unter Werner Gruban, Leiter des Theaterforums weit, um den Stier bei sich aufzunehmen. Felicitas Leitner, die durch den Abend führt, merkt augenzwinkernd an, dass der Umzug, innerhalb eines Jahres vollzogen, auf den Tag genau beendet war – anders als der legendäre Berliner Flughafen.
Und nun summt und tentakelt es, schmeckt nach Zitroneneis und riecht nach Weihwasser auf der Bühne: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe“ – das ist das diesjährige Motto, ausgewählt von Anton G. Leitner und Sabine Zaplin, unter das sich die Teilnehmer gestellt haben. Und ein jeder interpretiert es auf seine Art. Die Lyriker im Wettbewerb sind so unterschiedlich wie ihre Werke: das Publikum erfährt vom Oktopus, der sich nach seiner Liebe sehnt, ein Kindergedicht in der Art von James Krüss, vom Liebesleben der Gummischläuche, in dem sich die Genderproblematik humoristisch verdichtet, von den Liebesnöten eines Konfirmanden, den die Angebetete verschmäht und der seitdem die Liebe sucht, vom tragischen Tod der Stubenfliege, geschrieben in der Manier von Wilhelm Busch, aber auch von Kirchen, Hoheliedern, Zitroneneis und roten Fäden, die ins Nirgendwo führen.
Elf Frauen und fünfzehn Männer stellen sich dem Urteil des Publikums, der Jury, bestehend aus den Profis Melanie Arzenheimer, Norbert Göttler, Wolfgang Oppler und Georg Eggers, und sie tun dies jeder auf seine Art.
Sie flüstern, sie tönen, sie lautmalen und sie intonieren kurz und knapp. Die Alterspanne beträgt gut und gerne geschätzte sechzig Jahre, die Lyriker kommen von nah (Feldafing) und fern (Norwegen). Die Diversität trägt auch dazu bei, dass man weder die Werke noch den Vortrag wirklich miteinander vergleichen kann. Es gibt Miss- ebenso oft wie Gelungenes, allerdings fällt auf, dass die eher prosa-artigen Texte überwiegen. Experimentelles kommt nicht vor, allein Paula C. Georges wagt sich aus der Deckung.
Viele Gedichte – die Kritikerin zählt allein sechs – beschäftigen sich explizit mit der Kirche, auch taucht die Farbe grün (die Hoffnung?) mehrmals auf. Das Humoristische überwiegt, Düsteres tritt in den Hintergrund.
Eingerahmt werden die Gedichte der Wettbewerbs-Teilnehmer von den Werken der professionellen Teilnehmer – zu Beginn der Veranstaltung dürfen Sabine Zaplin und Anton G. Leitner eigene Werke, als auch die ihres verstorbenen Mitstreiters Erich Jooß zum Besten geben, zum Schluss die Jury-Mitglieder ihre Werke vorstellen. Dies wiederum lässt die Gedichte der Lyriker im Wettbewerb blasser und unprofessioneller erscheinen, als sie tatsächlich sind – aber wenn Grög! sein Nilkrokodil mit der Professionalität eines Bühnentieres vorträgt, hat er im Nachhinein den Nachwuchs-Aspiranten die Show gestohlen – schade drum.
Nach der Pause sackt der Spannungsbogen ohnehin ab. Zu viele Namen, zu viele Preise, der Enthusiasmus und der Freude über die Gewinner wird hier kein Raum gegeben, beinahe lust—und wahllos werden Preise und Urkunden verteilt, bis das Publikum gänzlich den Überblick verloren hat.
Schade, denn in der ersten Hälfte bis zur Pause überträgt sich die Lust am Lyrischen auf den Zuhörer und man wünscht sich für die nächsten Stiere, die das Bosco zu Arena machen: Ring frei für die Nachwuchs-Dichter, treibt die Matadore aus dem Ring!
Der Vollständigkeit halber seien hier aber die Gewinner genannt: den dritten Publikumspreis gewann Renate Buddensieck („Liebesbrief vom Oktopus“), den zweiten Preis erhielt Nikolaus Högel („Lamento minimalis“) und den ersten Preis trug Leni Gwinner („Adieu mein Gartenschlauch“) davon.
Den Teilnehmerpreis erhielt im zweiten Wahlgang Uta Reguli für „Saint Benoit du lac“, den Sonderpreis „10. Lyrikstier 2018“ bekam Wolf Dieter Grengel für „Ein Fünfter“ und schließlich gewann Karsten Paul den Jurypreis für „Zitroneneis“ – ein Gedicht, bei welchem die Jury die Fülle der Bilder und gleichzeitig die Verknappung wie bei einem Kurzfilm lobte.
Tanja Weber, 28.01.2018
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

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