Nach(t)kritik

Mi, 07.12.2016
20.00 Uhr
Literatur

Wehe den Blunsenhändlern

Künstler: 
Gerd Holzheimer

In einer Gegenwart, in der auf der einen Seite des Meeres sich Brüllaffen zu Rettern aufschwingen und nichts Geringeres als das Abendland im Visier haben, während auf der anderen Seite ein Händler mit Marktschreiergebärden die Wähler für sich gewinnt - in solchen Zeiten tut ein Blick auf die Antike gut, auf jene Wiege des Abendlandes, die bei vielen, die sich dasselbe auf die Fahnen schreiben, gänzlich unbekannt sein dürfte. „Wie hätten wir´s denn gern?“ lautet der Titel der aktuellen Reihe von und mit Gerd Holzheimer, deren erster Teil sich ausgiebig und mit vielen Textbeispielen - großartig und teils sogar szenisch in mehreren Rollen gelesen von Axel Wostry - dem Stadtstaat der Antike widmete.

Anfang und Ende und damit den Rahmen bot der Komödiendichter Aristophanes, „so wenig politisch korrekt, dass es nur so scheppert“ (Holzheimer). Dessen „Vögel“ und „Lysistrate“ finden sich noch auf den Spielplänen der Theater wieder, „Die Ritter“ hingegen werden so gut wie nie aufgeführt. Schade: die Geschichte, in welcher der machtgierige Kleon seinem Volk zur Last wird, so dass dieses einen anderen Regenten sucht und diesen in der Gestalt eines Wurstverkäufers findet, ist so aktuell wie kaum ein neues Stück. Der „Blunsenhändler“, wie Holzheimer ihn nennt, hat seinesgleichen in manchem Demagogen heutzutage - denn „Volksverführer“ sind heute nicht minder bekannt als in der Antike. Und das mit dem Erfolg des Wurstkochers einhergehende Chaos, in dem keine Werte mehr Gültigkeit besitzen, dürfte den heutigen Zeitgenossen ebenfalls bekannt sein.

Natürlich steht ein Auszug aus „Die Vögel“ am Ende des Abends. Dazwischen sind die Gedanken eines Aristoteles und eines Platon gesetzt. Aristoteles, der große Theoretiker der Politik und des politischen Handelns ist mit einem wahrhaft umwerfenden Entwurf vom Wert der Muße vertreten: Arbeit, so der Kerngedanke, ist die Basis der Unfreiheit; erst in der reinen, zweckbefreiten Muße ist der Mensch so wirklich Mensch - und kann sich vor keinen Karren spannen, kann sich nicht verführen lassen (zumindest nicht in einer Zeit, die Muße nicht mit Leere verwechselte und für die Leere viereckige Kästen voll Bilder und Blabla erfand).

Platon, dessen berühmtes „Höhlengleichnis“ Wostry in Auszügen exzellent vortrug, hat diese die Freiheit gefährdenden Ablenkungen womöglich vorausgesehen, als er seine Wahrnehmungstheorie von den Gefesselten entwickelte, die das Schattenspiel an der Höhlenwand für die Wirklichkeit halten und sich jeglichem Befreiungsversuch widersetzen, aus purer Angst, etwas anderes als das Virtuelle für wahr nehmen zu müssen.

Das Gegenmodell Platons zumTrugbildern verfallenen Menschen ist jener, der das Wesen der Liebe erkennt als das wahre Wesen der Politik: wer in der Lage ist, das Schöne zu sehen und sich darauf einzulassen, der ist auch in der Lage, sich auf Mehrdeutigkeit einzulassen, Kontroversen auszuhalten und sich von keinerlei Demagogie verführen zu lassen.

Keine einfache Aufgabe, doch die Antike als Wiege des Abendlandes zeigt dem, der sich auf ihre literarischen Zeugnisse einlässt, vor allem: die Quelle politischen Handelns ist Empathie. Ohne Einfühlung, Toleranz und freies Handeln ist eine Gemeinschaft verloren, da sie ihre Werte verliert und zum Spielball für Hetzer und Verführer wird. Man sollte sich ab und zu mal Platon vorlesen lassen, Aristoteles und vor allem Aristophanes.

Sabine Zaplin, 07.12.2016
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