Nach(t)kritik

So, 26.11.2017
20.00 Uhr
Kabarett

Welch lust´ger Türke!

Veranstaltung: 
Künstler: 
Fatih Çevikkollu

„Alle haben Bilder im Kopf, die mit der Realität nichts zu tun haben“, sagt Fatih Cevikkollu und tritt zum Thema Migranten-Klischees gleich mal einen ziemlich überzeugenden Beweis an: „Bei Gemüse-Ali erwarten wir Folklore“, weiß der gebürtige Kölner mit türkischen Wurzeln. Soll heißen, dass der Auberginen-Verkäufer gefälligst schlecht Deutsch zu sprechen hat, das vermeintliche Defizit dann aber auch mit Servilität ausbügelt. Ja, so haben wir unseren Händler an der Ecke gerne, und der spielt das Spielchen auch noch mit, weil er sonst 30 Prozent weniger Umsatz macht. Cevikkollu, der Einfachheit halber im nun folgenden Text „FC“ genannt, ist selbst ein wunderbarer Pragmatiker, der aus der ewigen Angst der Deutschen vor Überfremdung einige prima Tipps ableitet: „Emfatih“ lautet die Überschrift dazu – „mitfühlen, zusammen bleiben, alles gut“ ist sein tiefenentspanntes Motto. Immer wieder hat er das „Fatih“ auf fast väterliche Weise in seine Programm-Titel eingebaut, nun schon zum fünfsten Mal. Ob er mit dem gleich klingenden „Vati“ auf die Milde der Urdeutschen hofft? Sein Thema ist aber nicht nur die ewige Nummer vom missverstandenen Osmanen, „FC“ meldet sich überall dort zu Wort, wo die Menschen aneinander vorbei reden oder groteske Fehleinschätzungen liefern: „Was kann Christian Lindner eigentlich, außer sich fotografieren zu lassen und dabei weg zu gucken?“, fragt der mitunter ziemlich politische Fatih und führt dabei gleich mal die ganze egomanische Hohlheit des Neo-Liberalismus vor. „Manche Wähler wählen ja auch die „Piraten“, weil sie glauben, dass Johnny Depp da Mitglied ist“, lästert „FC“ weiter, ehe er sich CDU/CSU vornimmt: „Christliche Devote Union“ und „Christlich Sedierte Union“ nennt er die und scheint sich nicht ganz sicher zu sein, ob die Gautinger in diesem Punkt Spaß verstehen. „Steh ich allein mit dieser Meinung?“ fragt er an einer Stelle. Offenbar hat der Kölsche „FC“ selber mit ein paar Vorurteilen zu ringen, wenn er sich nach Bayern vorwagt.

Keinen Spaß versteht Cevikkollu, wenn er auf die „AfD“ kommt: „92 Rassisten und Holocaust-Leugner sitzen da jetzt im Parlament!“ Hatte er an diesem Punkt etwa auf Spontan -Applaus von „AfD“-Gegnern gehofft? Der bleibt aus, in Gauting drückt man sich eher in stummer Ablehnung aus. Für den Kabarettisten mit der profunden Schauspielausbildung wird sich das mit dem Publikumsecho wie ein roter Faden durch den Abend ziehen: Wie locke ich „die da unten“ aus der Reserve, ohne dass die mir zu viel ins Programm reinquatschen? Versuchsballon: Man habe die Sexismus-Debatte nach der Silvesternacht von Köln ganz entspannt auf Migranten-Bashing und Rassismus abgelenkt. Wenn man wie Cevikkollu ganz nah an der Domplatte wohnt und dort auch noch „Hooligans gegen Salafisten“ (HOGESA) vor der Haustür erleben muss, regt einen so etwas um einiges mehr auf, als es den Würmtal-Bewohner kratzt – Fatih wundert sich ein wenig über die Leute, macht deren passive Konsumentenhaltung sogar kurz zum Gag: „Ich sitze in der 1.Reihe und seh´ gut aus, das muss reichen!“, äfft er einen Bosco-Besucher mit verschränkten Armen nach. Oder auch den pseudo-toleranten Bildungsbürger: "Welch lust´ger Türke!" Man nimmt es ihm nicht übel, dass er so direkt wird – er hat ja recht. Cevikkollu ist ein unglaublich geschmeidiger Plauderer, der dennoch harte Wahrheiten unters Volk bringt – ähnlich wie der von ihm zitierte Essener Kabarett-Kollege Hagen Rether, nur ohne Klavier: „Deren Fluchtursache ist unsere Lebensweise“, war so ein sanfter, tödlicher Satz von Rether über das Migrationsthema, und er hätte wohl auch von Cevikkollu sein können.

Der aber ist im Gegensatz zum manchmal verzweifelt wirkenden Essener „ne echte Kölsche Jong“, also Positivist von Geburt, im deutsch-türkischen Biotop aufgewachsen, ein Menschenversteher und Mediator zwischen all den Missverstandenen – außer vielleicht bei Düsseldorfern: Wäre er nicht „FC“, sondern beim „FCB“, er hieße vielleicht Salihamidzic und wäre Spielerversteher. So aber gehört Cevikkollu eher zur Riege der Humanisten, mit einem Schuss Verträumtheit: „Wo ist es hin, das Lebendige, begeisterte?“, fragt er gegen die moderne Gleichgültigkeit an. Singt am Ende noch das Lied „Ich weiß, ich bin verrückt“, eine Hommage an alle Utopisten und Zeitgenossen, die neben der Spur laufen. Das ist ganz nebenbei auch noch große Darstellerkunst mit viel Herz, als Zugabe zum philosophierenden Kabarett. Fatih Cevikkollu hat jedenfalls den Beweis erbracht, dass der „FC“ jederzeit für Treffer gut ist.

Thomas Lochte, 27.11.2017
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2017