Nach(t)kritik

Mi, 21.03.2018
20.00 Uhr
Literatur

Zwischen Walzer und Veronal

Künstler: 
Julia Stemberger
Ein Tisch, zwei Stühle. Schwarzer Vorhang, ein wenig Licht und guter Ton, zwei Virtuosen ihres Fachs – mehr braucht es im Prinzip nicht, um einen atmosphärisch dichten Abend auf die Bühne zu bringen.
Und genau das wissen die Schauspielerin Julia Stemberger und der Komponist und Musiker Helmut Jasbar. Sie verlassen sich ganz auf ihre Kunst – mit Fug und Recht, denn beide beeindrucken auf ihrem Gebiet. Allein, es reicht nicht ganz.
Jasbar führt mit ein paar Worten in den Abend ein, begleitet ihn auf der Gitarre, strukturiert und akzentuiert. Der Gitarrist, der Selbstkomponiertes spielt, aber auch einen Walzer, den Arthur Schnitzler geschrieben hat, spielt sich nie in den Vordergrund, er bereitet die Bühne für den Text und für die Darstellung von Stemberger, die den inneren Monolog der 19-Jährigen Else präsentiert. Obwohl die Musik nur Begleitung ist, ist es Jasbar, der dem Abend den wichtigsten Akzent verleiht: seine Kompositionen führen den Text sanft in die Moderne, brechen immer wieder mit den Harmonien und betonen damit die Erschütterungen, die das junge Mädchen Else umtreiben und schließlich in ihren Selbstmord führen.
Julia Stemberger akzentuiert die Novelle mit all ihren zur Verfügung stehenden Mitteln: sie raunt, sie haucht, sie kichert und kiekst. Jeder der Figuren verleiht sie einen eigenen Duktus, wechselt virtuos zwischen ihnen hin und her und macht das ganze Drama, das in der Seele des jungen Mädchen tobt, erfahr- und nahbar. Keine Frage: diese Schauspielerin beherrscht ihr Handwerk und sie versteht es hervorragend, es einzusetzen.
Allein: wozu? Gerade dadurch, dass Stemberger den Text sehr plastisch aufleben lässt, beschleicht den Zuhörer die Frage, was uns der Text heute noch bedeutet. Allzu verstaubt und gestrig scheint der Gewissenskonflikt, dem die junge Else unterworfen ist. Das etwas überkommene Frauenbild, die hysterischen, ja, beinahe schwülstigen Phantasien der jungen Frau, die zwischen trotzigem Emanzipationswillen und exhibitionistischer Sehnsucht oszilliert, wird dadurch unterstrichen, dass Stemberger den Text an keiner Stelle bricht. Stattdessen verfällt sie in der sprachlichen Ausgestaltung der Nebenfiguren in Klischees. Dorsday, der Vicomte, erscheint als schmieriger Bösewicht, die Konkurrentin Cissy als Zicke und Paul als einfältiger Simpel.
Schade. Julia Stemberger ist eine großartige Schauspielerin, von der man gerne gesehen hätte, wie sie mit der gebotenen Distanz zur Figur den Text ins Heute überführt – den geeigneten Partner dazu hatte sie in Helmut Jasbar durchaus
Tanja Weber, 22.03.2018