Presse

Fr, 30.06.2017
20.00 Uhr
Kabarett

Die Bestie von Dodlbach

Veranstaltung: 
Ehrlich
Künstler: 
Helmut Schleich
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Helmut Schleich gibt im Bosco den Amokläufer und schlüpft in die Rollen des Landesvaters und des Stammtischbruders

Politik-Erklärer im Karo-Sakko: Helmut Schleich spottet über Strauß und Heesters, Juncker und Macron. Foto: Arlet UlfersGauting - Erst ist da nur ein Mantelständer auf der dunklen Bühne des Bosco. Dann kommt Schleich, Helmut Schleich. Nein, er sei kein Mörder, beginnt er mit "wrängischem" Einschlag und schaut herausfordernd ins Publikum. 38 Jahre sitzt er im Knast, wegen 14-fachen Mordes. Beim ersten Amoklauf hat er zwar acht Menschen erschossen, den Wirt jedoch nur versehentlich getroffen, durch einen Querschläger. Und bei der Hausrenovierung, da haben alle so genervt, von der Schwiegermutter bis zum Bauleiter. "Da hab ich die derschossen. Und dann war der Postbote auch dot. Selber schuld, er war zu spät dran." Er sei kein gewalttätiger Mensch, nicht die Bestie von Dodlbach, wie einige Journalisten über ihn schreiben. Wenn er rauskommt, dann....Vorsicht! Selten beginnen Kabarettisten so bös wie Schleich in seinem sechsten Programm "Ehrlich", das er im längst ausverkauften Haus in Gauting auf die Bühne bringt.

Fünf Typen sind es, die Schleich äußerst pointiert zum Leben erweckt. Besonders gut gelingt ihm Franz Josef Strauß, der unvergessene, mehrheitlich betrauerte Landesvater. Stiernackig, mit eingezogenem Kopf, wippend und an seiner Joppe nestelnd lässt Schleich FJS gegen die unfähigen, "sogenannten" Nachfolger wettern. Ob Stoiber, Seehofer oder CSU-Generalsekretär Scheuer ("Wo haben die den ausgegraben?"), ob Waigel oder Haderthauer - allesamt machen sie ihm sein schönes Bayern kaputt. So deppert wie Scheuer kann einer allein gar nicht sein, findet Schleich-Strauß. Der müsse irgendwo einen Zwilling haben. Und Seehofer erst, der dem Papst einen Fresskorb mit bayerischen Spezialitäten mitbringe. Die da wären Dosenweißwurscht, Honig und Kaffee: "Zu meiner Zeit haben wir so was in die DDR geschickt!"

Knapp 20 Minuten Zeit nimmt sich Schleich für den 1988 verstorbenen Ministerpräsidenten, den er mittlerweile so gut nachempfinden kann: "I bin der Franz Josef und da bin i dahoam". Nicht nur seine Epigonen in der Politik, auch sein Bayerischer Rundfunk ist auf den Hund gekommen - darf da doch ein Promikoch Weißwurscht panieren! Dann muss sich FJS vorbereiten - auf die Ankunft von Kohl. Sicher ist jedenfalls, ganz Trump-like: "Bavaria first! Und ich bin der Förster." Einfach schön, diese posthume Selbsterkenntnis!

Und noch einem dahingegangenen Unsterblichen setzt Schleich ein hoch parodistisches Denkmal: Jopie Heesters. Mit Zylinder, weißem Schal, Gehstock in der Rechten und großem weißen Taschentuch in der Linken lässt er ihn als "Heinrich von Horchen" über die Bühne watscheln und immer wieder beschwipst ins Tuch spuckend über die Enkel lästern, die alle längst im Pflegeheim sitzen. Er beschreibt das Krankenhaussystem ("Heute sind das Wirtschaftsunternehmen, früher war's das Siechenhaus") mit den bösen Worten: "Die lassen dich verrecken, nur weil du gesund bist."

Für die entscheidenden Erkenntnisse der aktuellen Politik in Bayern erteilt Schleich sowohl einem Stammtischbruder wie auch einem Politik-Erklärer im roten Karo-Sakko das Wort. Er lässt sie über die EU und die Schnapsdrossel Jean-Claude Juncker spotten, über Martin Schulz, dem er eine spezifische Art des Staubsaugervertreters zuschreibt. Schleich nimmt die EU-Kommission auseinander oder analysiert die Finanzkrise. Er mimt einen Spekulanten, der mit Palmöl und Schweinehälften Milliarden macht. Wahrer Zorn blitzt auf, wenn er von Macron redet, der als Investmentbanker für 11 Milliarden Dollar die Babynahrungssparte von Pfizer an Nestlé verhökerte. Und erst die endlosen "Bic und Ban-Zahlenreihen" beim Online-Banking... Wenn der Kabarettist die Widrigkeiten des täglichen Lebens schildert, kugelt sich das Publikum vor lachen.

Von der weiten Welt gehts zurück ins schöne Bayernland, wo man am Stammtisch ganz richtig feststellt: Wir brauchen gar keine Ausländer, um fremdenfeindlich zu sein. Das beginnt hier beim Fremdenzimmer, in dem der norddeutsche Urlauber nächtigen muss, und geht weiter mit "Der Saupreiß, der verreckerte!" Am Ende darf der fränkelnde Sträfling noch mal ran: "Ich, wenn ich den Abend gestaldet hädd, dät da jetzt kaana mehr sitz'n...." Mal ehrlich, soll man sich das zweimal sagen lassen? Schleich hat großes Kabarett gemacht und das Publikum um den Finger gewickelt.
Blanche Mamer, 04.07.2017