Presse

Sa, 30.09.2017
20.00 Uhr
Vielklang

Die dunkle Seite

Veranstaltung: 
Finsterlieder
Künstler: 
Dreiviertelblut
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
"Dreiviertelblut" begeistert das Publikum im Bosco

Nicht alles ist wahr, was da zur Erheiterung auf der Bühne erzählt wurde. Vorsätzlich. Dass sich Bananafishbones-Sänger Sebastian Horn und Filmmusikkomponist Gerd Baumann erstmals beim Einspielen der Songs zum Rosenmüller-Film "Wer früher stirbt, ist länger tot" trafen, dürfte allerdings stimmen. Für "Sau Nummer vier. Ein Niederbayernkrimi" spielten die Musiker dann die ersten Lieder in der Konstellation ein, die später die Band Dreiviertelblut werden sollte. Wie die Filme kam auch die Musik der Formation aus dem bayerisch-folkloristischen Milieu, öffnete sich aber in viele Richtungen: Weltmusik, Latin, Jazz, Rock. Aus dem Mix ging eine packende Performance hervor, die das Bosco-Publikum schließlich zu Standing Ovations hinriss.In den Liedern herrscht aber keinesfalls Friede, Freude, Eierkuchen. "Finsterlieder" heißt nach dem Debütalbum "Unterholz" die seit einem Jahr immer noch begehrte zweite Platte. Die Einspielung fügt sich in eine Tradition der raren, auf dem schmalen Grat zwischen Poesie, Sarkasmus, Trübsal, Schwarzseherei, dunklen Mythen und Aberglauben balancierenden Gesängen. Den richtigen Ton trifft man in dem Genre nur mit absoluter Hingabe und Inbrunst. So begründete Konstantin Wecker mit "Die sadopoetischen Gesänge" seine Marke, und Ludwig Hirsch brachte mit "Dunkelgraue Lieder" ein gleichermaßen mystisch-düsteres wie humorvoll-sarkastisches Album auf den Markt.

Dass die Lieder von Dreiviertelblut auch unter dem musikalischen Aspekt in dieser Reihe einzigartig sind, liegt vor allem an der Universalität der herausragenden Musiker, die aus allen Einflüssen das Aussagekräftigste herauszufiltern verstehen. Keine Frage: Der sonore Bass von Sebastian Horn und sein Ausdruck sprechen schon ungemein an, zumal ihn einige Bandmitgliedern im Chorus unterstützen. Der instrumentale Part ist indes keine Begleitung. Er ist Atmosphäre, Charakter, eine Menge Farben, überraschende Wirkungen, seelentiefe Emotionen, vor allem aber das zentrale Element einer Dramaturgie, die in Gauting alle Register der Sinnenfreuden, der Musizierlust sowie des ekstatischen bis wilden Taumels zog. Dies jedoch mit einem ausgeprägten Gespür für das richtige Maß und die beabsichtigte Wirkung.

Baumann ist mit Gesang und akustischer- wie E-Gitarre die zentrale Figur, die alle Fäden in der Hand hält. Mit E-Gitarren, Lapsteel (Hawaiigitarre) und Dobro (Resonatorgitarre) ist Luke Cyrus Goetze der Mann für besondere Effekte wie für rockige Ausfälle. Benny Schäfer am Kontrabass sowie Florian Rein am Schlagzeug sind die gnadenlosen Pulsgeber mit schlafwandlerischer Sicherheit selbst beim Zwiefachen und rasendem Tempo. Und die beiden Bläser überzeugten mit einfühlsamem Legendenton und packendem Powerplay gleichermaßen.

Dominic Glöbl, die dritte Stimme im Gesang, war fürs Substanzvolle mit Trompete und Flügelhorn zuständig, das vor allem fesselnde Dialoge mit den Sängern führte oder es in schmetternden Soli rockig krachen ließ. Währenddessen ging es in der Klarinettenstimme (Klarinette, Bassklarinette), aber auch am Moog-Synthesizer, um besondere klangliche Wirkungen, meist warm temperierte.

Nicht zuletzt ist aber die Dramaturgie der Schlüssel für den Erfolg der Formation. Weite emotionale Bögen werden gezogen, die vom einfühlsamen Balladenton ausgehen, sich dann mit überraschenden Kontrastwirkungen hochschaukeln, bis sie schließlich mit satter Fülle im wilden Taumel oder per Hardrock in Ekstase fallen.

Dem so erzeugten Sog der Lieder kann man sich nicht entziehen. Thematisch vermag Dreiviertelblut selbst mit scheinbar banalen Dingen reichlich Magie zu erzeugen, etwa mit "Mia san ned nur mia" auch politisch motiviert. Hirschs "I lieg am Ruckn" dürfte die dunkelste Ballade gewesen sein. Baumann wie Horn sind doch näher am Leben, begegnen selbst der dunklen Seite schon auch mit Ironie. Und geben praktische Tipps: "Wann's du mit dem Deifa danzd, da brauchst guade Schua'".

Ein fesselnder, geistreicher, vor allem aber musikalisch hin- und mitreißender Abend.
Reinhard Palmer, 02.10.2017