Presse

Mi, 05.04.2017
20.00 Uhr
Schauspiel

Die spielen nur

Veranstaltung: 
Totentanz - August Strindberg
Künstler: 
Schauspiel Frankfurt
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Das Schauspiel Frankfurt dreht Strindbergs "Totentanz" im Bosco Gauting mit drastischen und psychedelischen Szenen ins Surreale

Die Nummer mit dem Eidotter hat was. Edgar trägt ein Tablett herein und schwenkt es durch die Gegend, als wäre er ein ungelenker Zauberer. Er schlägt ein Ei in einer Glasschale auf, nimmt den Dotter in den Mund und glibbert ihn in den Mund von Alice, die lasziv am Boden liegt. So geht es hin und her, bis Alice das gelbe Zeug platzen lässt und ihr dünne Stränge aus den Mundwinkeln rinnen, als wär's menschliches, allzu menschliches Material.

Der Schwerttanz ist noch besser. Kurt, der Gast, soll ihn unbedingt sehen. Na klar. Zuerst strampeln Edgar, Alice und ihre Tochter Judith, der kleine Bühnengeist, zackig zur Musik, bald säbelt Alice an Edgars besten Stücken herum, Kunstblut spritzt. Edgar sticht seiner Frau ein Auge aus und schleckt sich die Hände, als klebte Honig dran. Und schon steht Alice, die in ihrem lila Kleid und mit ihren langen Beinen aussieht wie eine Mischung aus Vampirella, Tangotänzerin und Furie, mit einem Baseballschläger da und haut auf etwas ein, das aus einer Luke im Bühnenboden herausragt und Edgars Kopf sein könnte. Und sie und Judith essen gierig von dem, was die Schläge bloßgelegt haben.

August Stringbergs "Totentanz" dürfte einer der schlimmsten Ehekriege sein, die jemals im Theater geführt worden sind. Doch das Schauspiel Frankfurt belässt es in dieser Inszenierung im vollen Gautinger Bosco nicht bei der Sprechtragödie. Regisseur Daniel Foerster geht es im Wesentlichen um den schicksalshaften Beziehungswahnsinn: Diese Insassen einer Ehe können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander sein, und keiner von ihnen hat Schuld daran. Foerster mischt deshalb Elemente aus Splattermovies, Comics und Kinderbüchern unter. Zum marionettenhaften Spiel kommt ein Hauch von "Rocky Horror Picture Show", "Tanz der Vampire" und "Kill Bill". Rock und psychedelischer Musik treiben das Ganze voran. Und so heben die Frankfurter den "Totentanz" auf eine surreale, varietéhafte und ironische Ebene. Letztlich wird ein Theaterrausch aus dem Drama und ein großer Spaß.

Foerster hat ein paar überraschende Bilder für das Elend gefunden, das in diesem alten Gefängnisturm seit 25 Jahren währt: Judith (Alexandra Lukas) sieht aus wie eine Spieldosenfigur, sie malt mit Kreide ein paar Fenster, Lampe, Steckdose und Herd auf die anthrazitfarbenen Wände und rezitiert Traumtexte. Hauptmann Edgar (Oliver Kraushaar), der nie Major geworden ist, rollt mit olivgrünem Helm und Lanze in einem Rollstuhl herein, als wolle er gleich gegen Windmühlen kämpfen. Oder er misst, schon bevor die Zuschauer auf ihren Plätzen sind, mit weiß geschminktem Gesicht und rotgeränderten Augen im Stechschritt die Bühne ab, als wäre er ein Untoter auf Urlaub, während sich Alice (Constanze Becker) zur Tangomusik wiegt, räkelt und dehnt. Vor allem aber: Foerster lässt viel in der Schwebe und hat auch dafür ein Symbol gefunden - den Rauch, der immer wieder in der Luft hängt. Ist Edgar jetzt also totkrank oder nicht? Hat Kurt (Michael Benthin) seine Kinder verlassen, oder sind sie ihm genommen worden? Und sind Edgar und Alice wirklich nur Teufel? Immerhin hat Alice eine Engelsflügel-Frisur. Und Edgar, der eine Mischung aus Uniform und Artistengewand mit lächerlichem Rautenpulli trägt, wird um so menschlicher, je länger der Abend dauert.

Am Ende war alles nur Spiel, Show und Bluff. "Wir hatten wohl die Aufgabe, uns zu quälen", sagt Edgar. Und ob Alice jetzt den Hochzeitstag feiern wolle? "Sag ja, Schnecke". Macht sie. Und dann grinsen Edgar, Alice und der wiedererweckte Kurt frech ins Publikum. Donnernder Applaus.
Gerhard Summer, 07.04.2017