Presse

Do, 21.09.2017
20:00 Uhr
Schauspiel

Harter Brocken

Veranstaltung: 
Der gute Tod - Wannie de Wijn
Künstler: 
Metropoltheater München
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Das Metropoltheater zeigt im Bosco das Drama "Der gute Tod" in einer Fassung, die nicht berührt, aber Nachklang hat.

Bernhard ist todkrank, Lungenkrebs im Endstadium. Doch er ist nicht bereit, unter unerträglichen Schmerzen und Erstickungsangst auf den Tod zu warten. Er will bewusst sterben, sein Arzt und Freund Robert soll ihm dabei helfen. Alles ist vorbereitet, Morgen früh um neun Uhr soll es sein. Am Vorabend sind die für ihn wichtigen Menschen in Bernhards Haus zusammengekommen: Tochter Sami, Hannah, seine langjährige Geliebte, Ruben, der jüngste Bruder, und sogar Michael, der jüngere Bruder, hat sich von seinen Geschäften in Peking losgeeist. Man könnte also meinen, dass der letzte gemeinsame Abend zwar traurig, aber harmonisch und abgeklärt verlaufen sollte. Doch weit gefehlt: Alte Anfeindungen, Verletzungen und Gehässigkeiten brechen auf, der Streit wird laut und weckt den schlafenden Bernhard. Nicht nur ihm wird viel abverlangt.

"Der gute Tod" heißt das Stück des Niederländers Wannie de Wijn, das Jochen Schölch am Metropoltheater München inszeniert hat und das Donnerstag und Freitag im Bosco in Gauting zum Beginn der Schauspiel-Saison aufgeführt wird. Es ist ein harter Brocken. Bernhards Entscheidung wird nicht von allen Familienmitgliedern mitgetragen, selbst Robert, der Arzt, zweifelt immer noch, ob er das Richtige tut. Womit auch das Publikum gefordert ist, das ständig mit dem Subtext kämpft: Wie will ich sterben? Will ich wirkl ich selbst entscheiden? Und schnell wird klar: In so einer Umgebung will ich meinen letzten Abend nicht verbringen.

Sicher, Bernhard, grandios gespielt von Butz Buse, hat eine Menge Fehler gemacht und viele Aufgaben liegen lassen, die nun auf dem Totenbett akut werden. Da ist seine Tochter Sami, von Sophie Rogall als traurige, überforderte junge Frau gespielt, die ihrem Vater irgendwann sagt: "Ich wollte noch so viel mit dir besprechen. Das geht jetzt alles nicht mehr". Da ist Hannah, die Geliebte, die ihn ergeben und aufopfernd pflegt. Im Spiel von Lilly Forgách liegt allerdings auch eine Zweideutigkeit, es bleibt im Dunkeln, ob sie Bernhards Entscheidung wirklich mitträgt. In der Auseinandersetzung mit dem windigen Geschäftsmann Michael - Christoph von Friedl glänzt als quasselnder hyperaktiver Unsympath, der seine Unfähigkeit zu trauern hinter coolen Sprüchen verbirgt - erfährt man, dass Hannah vor Jahren mit ihm liiert war und die Verletzungen immer noch nicht verwunden hat. Dann ist da ein großartiger Sebastian Griegel als Ruben, dem jüngsten der Brüder, ein tollpatschiges, autistisches Riesenbaby. Nur in Gegenwart von Sami, am Klavier und beim Singen fühlt er sich sicher, er ist aber auch der Einzige, der sich in seiner Naivität traut, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Es ist rührend zu sehen, wie er sich seinem todkranken großen Bruder nähert, ihm die Hand streichelt.

Die Zeit vergeht, sie wird von den kreisenden Zeigern der Wanduhr markiert. Kurz vor neun Uhr: Die Atmosphäre wird immer drückender, der Zuschauer ist längst darauf eingestellt, einem Todkranken beim Sterben zuzusehen. Da poltert Ruben in Unterwäsche herbei, ganz sachlich rührt der Arzt die todbringende Droge, es schweigt der laute Michael, und fast pathetisch ergreift Bernhard das Glas. Sami bricht in lautes Weinen aus, sucht Trost bei Hannah. Doch warum bleibt der Zuschauer so kalt? Warum geht ihm das Ende nicht so nahe? Die Rollen sind so gut besetzt, die Inszenierung doch gelungen. Doch etwas fehlt. Entscheidend ist: Das Thema beschäftigt einen, losgelöst vom Stück, noch weiter.

Blanche Mamer, 25.09.2017