Presse

Do, 07.12.2017
19.30 Uhr
Musik

"Ich steh' auf die Siebziger"

Veranstaltung: 
Gestern oder im 3. Stock
Künstler: 
Hundling
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Der Chef der Band "Hundling", Phil Höcketstaller, über musikalische Vorlieben, Bauernschränke und Münchner Originale

Hundling und Haindling - das liegt phonetisch nahe, aber die Musik der zwei Bands ist nicht zu verwechseln. Denn Hundling machen keine Weltmusik mit Gebläse, sondern bodenständigen Rock, Country, Blues und amerikanisch angehauchten Folk, wenn auch wie Hans-Jürgen Buchners Kultkapelle mit bairischen Texten. Nächste Woche gibt das Quintett um den Sänger und Gitarristen Phil Höcketstaller im Gautinger Bosco ein Benefizkonzert für den Adventskalender der Süddeutschen Zeitung. Die SZ sprach mit dem 42-jährigen Bandchef aus München.SZ: Seid ihr schon mal mit Haindling verwechselt worden?

Phil Höcketstaller: Ganz selten. In Bayern ist zum Glück bekannt, dass der Hundling ein Schlitzohr oder Bazi ist und Haindling die Ortschaft und der Künstler Buchner. Wenn unser Bandname ein anderes, ähnlich klingendes Wort wäre, das keine starke Bedeutung hat, wäre es schwieriger.

Woher kommen die Hundling-Ideen und Geschichten für eure Songs?

Ich schreib' die Songs, die Texte sind ein Sammelsurium aus meinem Erlebnisschatz. Ich sag' jetzt mal drei Themenblöcke: Liebe, Erfahrungen aus meinem Musikerleben und Münchner Geschichten aus meinem Umfeld.

Aus Untergiesing?

Ja, aber auch vom Glockenbachviertel und vom Olympiapark, von Leuten, die ich in der Stadt sehe und treffe, oder von Erlebnissen in der U-Bahn. Das alles sauge ich auf, und wenn mir etwas interessant vorkommt oder ich den passenden Aufhänger finde, mach' ich ein Lied daraus. Es gibt noch ein viertes Thema, das sind eher philosophische Betrachtungen über den Wert der kleinen Dinge oder im weitesten Sinne über die Kunst des Lebens. Klingt jetzt hochgestochen, aber es geht etwa darum, wie erfüllend es sein kann, nichts zu tun, natürlich witzig verpackt. Dass man also sagt: Hey, ich schau' jetzt nicht ins iPad, ich leg' mich hin und mach' gar nichts.

Gibt es heute noch viele solche Münchner Originale und Lebenskünstler, wie sie Hanns Christian Müller, der ehemalige Weggefährte von Gerhard Polt, in seinem Buch "Sonne für alle" beschreibt?

Der Erzähler in meinen Liedern ist schon so ein Münchner Vorstadt-Strizzi, der sich sagt: Lieber hab' ich wenig Geld, aber dafür viel Zeit. Von dieser Sorte gibt es allerdings nicht mehr viele. Schau mal in die U-Bahn und schau, wie viele Leute in ihr Handy reinglotzen. Ich glaub' eher nicht, dass die relaxt sind. Das mit den Handys ist wie eine Massendroge. Und deshalb denk' ich, dass die Originale in der heutigen hektischen Zeit sozusagen ein Anachronismus sind. Mein Sound und ich selber sind im Übrigen auch altmodisch, dazu stehe ich. Ich steh' auch auf Perserteppiche und Bauernschränke.

Perserteppiche?

Ja, und heute kauf' ich mir einen Bauernschrank in Pasing, für 50 Euro. Schön, dass das keiner mehr mag. Ich steh' auf die Siebziger, die Architektur des Olympiastadions, die Fernsehserien aus den Siebzigern, die Schlaghosen, den Vibe von Hippie bis Punk, das war eine geile Zeit.

Wahrscheinlich muss Hundling einen Siebzigerjahre-Bazi-Stammtisch gründen und die wenigen Originale in Bauernschränken einfangen, die es noch gibt. Aber eure Musik hat doch weniger mit den Siebzigern zu tun?

Das kann sein. Ich habe natürlich klangliche Vorstellungen, und ich nehme die Stilrichtungen und Sounds, die ich geil finde: E-Piano zum Beispiel, Hammondorgel, Pedal Steel, Akustikgitarre. Und ich mag Blues gern, Folk und den Train Beat von Country und Bluegrass, aber auch mal einen Reggae-Beat und Grooviges. Ich selber höre viel Musik aus den Siebzigern, die Bruce-Springsteen- und die geilen J.J.-Cale-Platten. Oder die Eric-Clapton-Soloalben. Eine der schönsten Stones-Platten, "Exile on Main Street", ist von 1972.

In Zeiten von Spotify, Soundcloud und Deezer - wie verdient mal als Band Geld?

In erster Linie durch Live-Auftritte, eventuell noch über Gema-Einnahmen und Tantiemen. Deshalb drängen auch alle auf den Live-Markt, deshalb kommen die Dinosaurier wieder. Früher haben die Leute CDs gehört, das ist heute anders. Als Leonhard Cohen in Europa war, ist ein Bruchteil der Leute, die seine Alben gehört haben, aufs Konzert gekommen. Ohne mich vergleichen zu wollen: Aber wenn ich heute irgendwo spiele, hat nur ein kleiner Bruchteil des Publikums eine meiner CDs gehört. Die Musiklandschaft hat sich komplett verändert, nicht unbedingt zum Positiven. Die Digitalisierung hat uns das Produkt genommen, das wir verkaufen konnten. Und das Geld landet jetzt woanders.

Könnt ihr von eurer Musik leben?

Alle Musiker in meiner Band sind Profis, das heißt, sie spielen noch in anderen Gruppen mit und geben Unterricht. Ich habe das Ziel, dass ich komplett von meiner Musik leben kann, aber das ist noch ein Haufen Arbeit. Wer heute mit der eigenen Kunst einigermaßen was verdient, hat ohnehin viel erreicht. Das ist ja ein Unterscheid: Musik als Dienstleistung oder Musik als Kunst. Ersteres geht natürlich immer, aber das macht dich fertig: Musik zu spielen, die du verpönst. Du kommst dir falsch vor, wenn du Helene Fischer spielst, "Atemlos", und dieses Lied steht für so vieles, was dir verhasst ist: Anbiederung, Spießigkeit, keine Haltung zeigen.
Gerhard Summer, 02.12.2017