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Klangfülle trifft auf elegische Weiten

Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Die beiden Musikerinnen Caroline Goulding und Danae Dörken geben ein eindrucksvolles Konzert im Bosco

Caroline Goulding (Violine) und Danae Dörken (Klavier) spielten im Bosco. Foto: Arlet UlfersGauting - Entwarnung kann man zwar noch nicht geben, da erst die Hörgewohnheiten der Zuhörer der Entwicklung folgen müssen, bevor vor allem die Scheu vor Atonalität überwunden ist. Doch die Lust und das Können, wenigstens die magische Grenze zum 20. Jahrhundert zu überschreiten, häufen sich erfreulicherweise bei jungen Musikern. Auch der Mut, wenig populäre Komponisten zu interpretieren.

Wie eben den rumänischen Geiger, Dirigenten und Komponisten George Enescu, dessen kraftvolle und kompositionstechnisch präzise Tonsprache noch der absolut verdienten Wertschätzung harrt. Die US-Amerikanerin Caroline Goulding (Violine) und die Deutsch-Griechin aus Wuppertal Danae Dörken (Klavier) wählten fürs ihr Konzert im Gautinger Bosco zwar mit der zehnteiligen Suite "Impressions d'enfance" (Eindrücke aus der Kindheit) eine programmatisch-unterhaltsame und persönliche Komposition, doch wie Schumanns "Kinderszenen" stellt auch dieser Bilderzyklus höchste Ansprüche an die Interpreten. Spieltechnisch, vor allem wenn es darum geht, in absoluter Präzision Vogelzwitschern, Windgeheul oder Stürme zu simulieren. Vor allem aber hinsichtlich des Ausdrucks, der vom Duo des Abends eine emotionale Zuspitzung erfuhr. Goulding, die im Gegensatz zur extrovertierten Dörken in sich gekehrt aus einer enormen Körperspannung heraus großartig elegische Höhenflüge in tiefatmenden Weiten zu spannen vermochte, fand vor allem in Elgars Sonate e-Moll op. 82 reichlich Möglichkeit dazu. Mit Brahms als Vorbild gab der britische Meister der Spätromantik dem Duo reichlich Material für mächtige Klangsubstanz an die Hand, die gerade Dörken mit Musizierlust in ausladendem Wogen zum Klingen brachte.

Die plastische Fülle des Klangs lag der Pianistin, umso größer die Herausforderung Gouldings, das Volumen immer wieder weit zurückzunehmen. So weit, dass die Geigerin gerade noch die Spannung zu halten vermochte. Das Ansinnen, damit extrem weite Tonräume zu öffnen, tat sich zu Beginn mit Schuberts Sonate - in der Erstpublikation Sonatine genannt - D-Dur op. 137/1 zunächst noch etwas schwer, mit der nötigen Durchschlagskraft beim Publikum anzukommen, doch schon im zentralen Andante des Werkes kam allmählich die Verbindung zustande und betörte mit einem überaus lyrischen Mittelteil in Moll. An Mozarts Violinsonaten orientiert, blieb das Duo, das Schubert im Alter von 19 Jahren als Schüler Salieris komponiert hatte, entsprechend leicht und vergnügt, zumal sich in seinem Jugendwerk noch keine Abgründe auftaten, hier vielmehr das vorangegangene Liederjahr (1815 mit 170 Liedkompositionen) mit ausgeprägtem Sinn für Melodik nachwirkte. Anders in der anschließenden Schumann-Sonate d-Moll op. 121, die als "große Sonate" kein Hauskonzertieren mehr im Sinne hatte, als vielmehr großdimensioniert den öffentlichen Konzertsaal. Hier war das Duo in seinem Element, griff musizierfreudig den sinfonischen Ansatz auf, der vordringlich in den Rahmensätzen fulminant daherkam, suchte aber auch beseelte Empfindsamkeit, wenn lyrische Schönharmonik auf warme Atmosphäre angewiesen war. So im langsamen dritten Satz, der in Kombination aus - leider etwas unsauberem - Pizzicato und perlendem Klavieranschlag das Thema des Variationssatzes in zauberhaftes Kolorit tauchte, um anschließend in zunächst empfindsamen Variationen überaus reizvolle Stimmungsbilder zu entwerfen.

Dem langjährigen Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters Ferdinand David gewidmet, hatte Schumann seine Sonate weit komplexer konzipiert als Schubert und Elgar. Aber mit seiner tiefen Konzentration gelang es dem Duo Goulding und Dörken auch hier mühelos, Klarheit und Transparenz zu wahren und das Publikum in Schumanns Empfinden einzuweihen. Das kam gut an und wurde mit lang anhaltendem Applaus belohnt. Nach Elgars Sonate war denn auch sein zauberhaft ausgesungenes "Salut d'amour" in der Zugabe fällig.
Reinhard Palmer, 10.05.2017