Presse

Sa, 27.01.2018
19:30 Uhr
Literatur

Neue Arena für den Lyrikstier

Veranstaltung: 
10. Internationaler Wettstreit der Poetinnen und Poeten
Künstler: 
Der Lyrikstier 2018
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Anton G. Leitners Lyrikwettbewerb zieht im zehnten Jahr ins Gautinger Bosco ein, weil das Wirtshaus Schuster in Hochstadt dichtgemacht hat. Für ihn bedeutet das eine "Herz-Lungen-OP"

Zumindest die Stiere sind schon ans Reisen gewöhnt. Sie kommen aus Indien, China, Italien, Frankreich, Polen und Bayern, Bildhauer Michael Ball hat sie zusammengesammelt. Es sind porzellanweiße, bronze- und holzfarbene Tiere darunter, bullige, filigrane, elegante und abstrahierte. Einer heißt "Lobi", hat einen platten Kopf, lange Hörner, die zum Kreis nach hinten gebogen sind, und einen kleinen Vogel am Allerwertesten. Er stammt aus Afrika und eignet sich angeblich auch bestens zum Geistervertreiben. Und natürlich macht es unter logistischen Aspekten kaum einen Unterschied, ob der Autor und Veranstalter Anton G. Leitner aus Weßling diese noch einigermaßen handliche Sammlung nun nach Hochstadt oder Gauting karrt, damit die Sieger ihre Trophäen bekommen. Aber ansonsten sind das schon zwei Welten.

Neun Jahre lang ging Leitners Lyrikwettstreit im abgelegenen Gasthof Schuster über die Bühne. Weil das Wirtshaus heuer dicht gemacht hat, zieht die Herde nun ins Kulturzentrum Bosco nach Gauting um. Das ist der Wechsel von der ländlichen Arena, vom Kessel hin zum vornehmen Theater. In dem Gasthof ging's nämlich kernig zu: Das Lokal war in der Regel Wochen vorher ausverkauft, manchmal kamen 100 Leute einfach nicht mehr rein. Drinnen hockten die Zuhörer eng auf eng, darunter gelegentlich auch Bauern, und die Luft war saumäßig. "Aber es gab eben auch Freaks, die wollten diese Stimmung und die Hitze, dass du gedacht hast, du hältst es nicht mehr aus", sagt Leitner, der Miterfinder des Wettbewerbs. Auch für ihn sei das nun eine große Umstellung, mehr noch "eine Herz-Lungen-OP".

Es gibt viele Poetry Slams und etliche Lyrikwettbewerbe, aber eben nur einen Stier samt Publikums, Jury- und Teilnehmerpreis. Das Spektakel zieht längst Dichter vorwiegend aus ganz Deutschland, aber auch aus Österreich und der Schweiz, Südtirol, Frankreich und England an. Zu den besonders Treuen gehört die 79-jährige Kanadierin Uta Regoli ("Ich komm zu dir, bis ich sterbe"), unter den Freizeitlyrikern sind ab und zu auch Pfarrer. Leitner bietet dazu ein vorgeschaltetes dreitägiges Coaching mit Videoauswertung an, heuer erstmals im Oberpfaffenhofener Lokal "Il Plonner", mit den Einnahmen finanziert er sein Periodikum "Das Gedicht". Keiner der Amateure oder Halbprofis soll nämlich in der Arena bloßgestellt werden. Die beiden Mentoren Leitner und Sabine Zaplin, Autorin und Journalistin aus Gauting, bereiten die Dichter auf den Auftritt vor, zeigen ihnen, wie man mit einem Mikrofon umgeht, wie der Vortrag an Ausdruck gewinnen könnte. Vor allem arbeiten sie mit den Lyrikern an den Texten, genauer gesagt an jeweils einem Poem, denn jeder Teilnehmer darf an dem Abend nur ein Werk vortragen. "Ein 30-bis-40-Sekunden-Gedicht ist ideal", sagt Leitner, das entspricht drei Strophen, aber natürlich sind auch längere oder etwas kürzere Texte erlaubt.

Der zehnte Gedichtwettbewerb steht unter dem Motto "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe", 26 Lyriker kämpfen um die gehörnten Trophäen, darunter sind etliche frühere Gewinner, Nikolaus Högel aus Feldafing zum Beispiel, Holger Küls aus Verden und eben Uta Regoli, aber auch eine Newcomerin wie Anna Münkel. Die eingereichten Texte seien diesmal besonders gut, sagt Leitner, das habe wahrscheinlich mit dem Jubiläum zu tun und auch damit, dass er noch mehr Zeit in die Vorbereitung investiert habe.

Auf die Idee mit dem Wettkampf hatte ihn der einstige Hochstadter Wirt Michael Schuster gebracht. Leitner hatte damals schon zehn Jahre lang seine Dichter-Seminare angeboten, bis Schuster fand, dass den Autoren auch ein Podium geboten werden sollte. Immerhin gebe es doch den Salzburger Stier, warum also nicht noch den Hochstadter Stier? Zumal aus dem 800-Seelen-Dorf auch der Gewichtheber Adolf Grenzebach kommt, der "Stier von Hochstadt", der sich einmal mit dem damaligen Gouverneur Arnold Schwarzenegger im Wirtshaus Schuster traf. Aus dem Hochstadter Stier wurde bald der Lyrikstier und Leitner führte eine Fachjury ein, um zu kompensieren, dass beim Publikumspreis der Heimvorteil eine Rolle spielen kann.

Im Bosco sollen nun jeweils vier Autoren an einem Bistrotisch auf der Bühne platziert werden, es gibt wieder Überraschungsgäste und natürlich ein großes Buffet. Und wenn auch Anton G. Leitner dem Gasthof Schuster nachtrauert, weiß er doch auch die Vorteile des Gautinger Kulturhauses zu schätzen. Vor drei, vier Jahren war es in dem Hochstadter Wirtshaus nämlich zappenduster geworden, weil die gemieteten Scheinwerfer eine der alten Sicherungen geschrottet hatten. Der Wirt fand den Fehler einigermaßen rasch, was purer Zufall war. So was kann im Bosco nicht passieren. Sehr wahrscheinlich.
Gerhard Summer, 18.01.2018