Presse

Mi, 11.04.2018 bis Fr, 18.05.2018
19.00 Uhr
Ausstellung

Schattenspiele aus dem Umzugskarton

Veranstaltung: 
negativ | positiv - Gauting durch die Camera Obscura
Künstler: 
Stefan Fichert
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Die ganze Welt ist eine Bühne. Der Gautinger Künstler Stefan Fichert, als Puppenspieler zuhause auf den Bühnen der Welt, hat eine aus einem Pappkarton gefertigte Lochkamera zur Bühne für sein Heimatdorf Gauting gemacht. Unter dem Titel "Negativ - Positiv" zeigt er von Mittwoch an in einer Ausstellung im Bosco, wie sich das Gautinger Ortsbild verwandelt - und wie es sich verwandeln kann, wenn er es durch seine Kamera betrachtet.

In den vergangenen Monaten dürfte Fichert hier und da für Verwunderung auf den Straßen Gautings gesorgt haben, wenn er sein kurioses Kamera-Ungetüm aufbaute: Aus einem Umzugskarton, dessen kleine Lochblende mit einem schnöden Pappstreifen verschlossen wird, und einem alten hölzernen Stativ entstand eine "Camera Obscura". Weil diese zutiefst archaische Technik eine Belichtungszeit von mindestens drei Minuten erfordert, kamen als "Akteure" seiner Bilder nur Immobilien infrage: die verwunschenen Villen in der Künstlerkolonie, der Bahnhof oder auch das alte Schulgebäude, das die Gautinger derzeit in Aufruhr versetzt. Auf der Rückseite des verschlossenen Kartons entsteht das Bildnegativ. Fichert nutzt das Gehäuse seiner Lochkamera aber zusätzlich als Bühne: Durch verschiedene Einbauten entsteht eine zweite Bildebene, eine Art Schattenspiel vor dem eigentlichen Motiv. Manchmal ist es ein kleiner Plastikdinosaurier, der plötzlich als riesenhaftes Gespenst durch Gautings Straßen geistert, manchmal schieben sich Bleistifte wie Speerspitzen ins Bild oder es zerspringt der Himmel über Gauting wie eine Glasscheibe, dann wieder wabern Nebelschwaden und Spinnweben durch die Gärten. In der Ausstellung wird jeweils das geisterhaft blasse und auf dem Kopf stehende Negativ mit dem entwickelten Bildpositiv präsentiert. Die ebenso geheimnisvollen wie dramatischen Bildinszenierungen kann man durchaus als philosophische Kommentare zu den rasanten Veränderungen lesen, die Gauting derzeit erfährt.

Im noch beschaulich vorstädtischen Gauting mit der bezaubernd idyllischen Künstlerkolonie, damals nicht gerade von Wohlstand, sondern vielmehr von Improvisation und Lebenskunst geprägt, wurde Stefan Fichert 1946 als Sohn eines Malers geboren. In Gauting lernte er seine spätere Gattin Susanne Forster kennen, auch sie kommt aus einer Künstlerfamilie. Er folgte ihr, mitten im Trubel des Jahres 1968, nach London. Da hatte er bereits einige Semester Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert, später sollte noch ein Filmstudium in London folgen.

Vor allem aber drehte sich nun in London alles ums Theater: Die Literaturstudentin und der Künstler arbeiteten am "Little Angel Marionette Theatre" und gründeten schließlich eine eigene Theatergruppe. Als "London Puppet Players" kehrten sie 1976 nach Gauting zurück. Die Rückkehr von London nach Gauting war mehr als schwierig, erinnert sich Fichert. Nachdem jedoch der Kulturschock überwunden war und aus den "London-Munich Puppet Players" irgendwann die "Puppet Players" geworden waren, sollte eine großartige Zeit mit zahlreichen, auch internationalen Gastspielen und Tourneen folgen.

Heute gilt Fichert als Urgestein der Gautinger Kunstszene. Die "Puppet Players" waren die ersten Künstler, die 1980 mit dem "Günther-Klinge-Preis" ausgezeichnet wurden, außerdem sind sie eng verwoben mit der Geschichte des Gautinger Theaterforums, auf dessen Bühne fast alle ihre Stücke Premiere feierten. Fichert ist in der internationalen Theaterszene auch und vor allem ein gefragter Puppenbauer: Egal, ob Dieter Dorn für seinen "Ring" in Genf ein tragbares Pferd braucht oder für die "Zauberflöte" auf der Bregenzer Seebühne überlebensgroße, wind- und wettertaugliche Figuren benötigt werden.

Anfang der 1990er Jahre, nach mehr als zwanzig Jahren Pause, hat Stefan Fichert wieder begonnen, als Maler zu arbeiten, wenn auch nur in der Zeit, die ihm das Theater lässt. Und nun also wieder einmal eine Premiere: Mit der neuen, per Lochkamera entstandenen Bildserie betritt er erstmals als Fotograf die Bühne und widmet sich dabei seiner Heimat.
Katja Sebald, 09.04.2018