Presse

So, 05.11.2017
20:00 Uhr
Klassik

Vorliebe fürs Extrem

Veranstaltung: 
Bach, Brahms, Stravinsky, Mackey
Künstler: 
Alisa Weilerstein, Violoncello & Inon Barnatan, Klavier
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Cellistin Alisa Weilerstein und Pianist Inon Barnatan reizen im Gautinger Bosco mit heftigen Ausbrüchen und zarter Lyrik die Grenzen des dynamischen Spiels ausVon Reinhard Palmer, GautingWas die öffentliche Wahrnehmung betrifft, hätte man mit einem ungleichen Duo rechnen können. Während der US-amerikanischen Cellistin Alisa Weilerstein ein herausragender Ruf vorauseilt, ist über den israelischen Pianisten Inon Barnatan wenig zu eruieren. Auf der Bühne des Gautinger Bosco erwies sich das Duo dann aber als absolut homogen und ungemein stimmig im Zusammenspiel.

Dabei loteten die zwei Musiker die Extreme aus. Sie boten eine Bandbreite an Gestaltungsmitteln von zartester Empfindsamkeit bis hin zu eruptiven Ausbrüchen, die fast schon den Rahmen des Programms gesprengt hätte, wären da nicht zwei Werke, die auf diese Fülle geradezu angewiesen sind. Zu einem die "Suite italienne", die Strawinsky aus seiner Ballettmusik "Pulcinella" extrahiert hatte. Die Verbindung aus tänzerischen Ausdrucksmitteln und erzählerischer Diktion rechtfertigte zweifelsohne die üppige Vielfalt in der Gestaltung der fünf kontrastreichen Sätze. Ein gewichtiges Argument liefert auch die Entstehungsgeschichte: Sie reicht mit einigen musikalischen Fundstücken aus italienischen Bibliotheken, die auf die Zeit Pergolesis zurückgehen, weit in die Musikgeschichte zurück. Auch das Manuskript "I quattro Pulcinella" nach der "Commedia dell'arte", die der Handlung als Vorlage diente, gab dem Duo viel Material an die Hand, bilderreich zu assoziieren.

Zum anderen erwies sich "Through your Fingers" des US-amerikanischen Komponisten Steven Mackey als ähnlich im Aufbau, auch wenn die Thematik des erst kürzlich uraufgeführten Werkes weniger konkret als philosophischer Art ist. Für Mackey, der von der E-Gitarre in Jazz und Rock herkommt, ist das kein Grund, auf entschiedene, handfeste Bilder zu verzichten. Und Alisa Weilerstein und Inon Barnatan verfügten über die Sicherheit, diese Grenzgänge zwischen visionären Klangeffekten und leidenschaftlich-konzertanten Ausbrüchen entsprechend zielgerichtet auszutarieren.

Bei den beiden Cellosonaten von Brahms setzte das Duo auf einheitlichen Zugriff: konzertantes Temperament, Leidenschaft, brodelnde Spannung. Obwohl beide Stücke unterschiedlichen Umständen und Vorgaben entsprungen waren, ging das Duo schon die erste Sonate, die Brahms zwischen 1862 und 1865 in rückgewandter Stilistik komponiert hatte, mit mächtig viel Kraft an. Doch diese Sonate e-Moll op. 38 war einem Laien gewidmet, würde also auch weniger temperamentvollen Impetus vertragen. Der Schlusssatz mit dem Contrapunctus XIII aus Bachs Kunst der Fuge kam enorm pathetisch und auf große Wirkung ausgerichtet daher. Alles Vorangegangene duckte sich im Schatten dieses prägenden Finales, das freilich von Brahms auch durchaus groß gedacht war. So erkläre sich der Verzicht auf das ursprünglich an zweiter Stelle stehende Adagio, so die Überlieferung.

In der zweiten Sonate F-Dur op. 99 von Brahms war der energetische Zugriff genau richtig. Die reife Komposition ist dem Cellisten des Joseph Joachim Trios gewidmet, Robert Hausmann, der mit seinem kraftvollen, ja wuchtigen Spiel Bekanntheit erlangte. Weilerstein und Barnatan spiegelten die Formklarheit mit Transparenz wider, sogar im Geflecht feiner Differenzierung. Das Andante betörte so mit empfindsamem Gesang, dem Pizzicato-Bässe am Cello Spannung gaben. Eine sinnvolle Entscheidung war es auch, den harmlosen Schlusssatz ans f-Moll-Scherzo, das wie ein vorgezogenes Finale wirkt, quasi attacca als Nachsatz anzuhängen. Dazwischen hielt Weilerstein eine Überraschung parat: Die zum Gedenken an den ehemaligen Klassikforum-Leiter Rainer A. Köhler interpretierte Sarabande aus der Suite für Violoncello solo in C-Dur (BWV 1009) wird in der Regel temperamentvoll und kraftgeladen gespielt. Doch Weilerstein ging ganz auf die barocke Sinnlichkeit ein und ließ berührende Zartheit walten. Schlussovationen und zwei Zugaben von de Falla.
Reihnard Palmer, 09.11.2017