Presse

Mi, 25.04.2018 bis Fr, 18.05.2018
19.00 Uhr
Ausstellung

Wider Neid und Hass

Veranstaltung: 
Jüdisches Leben in Bayern ab 1945
Künstler: 
Hoffnung trotz allem
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Vergilbte Visitenkarten mit einem Namen und mehreren Ortsangaben, wie die von Landa Ala aus Lodz und darunter Bergen-Belsen, Flossenburg, jetzt Landsberg am Lech, sind in einer Ecke im Boscetto in Gauting zu sehen. KZ-Überlebende versuchten auf diese Art, nach dem Krieg überlebende Angehörige oder frühere Freunde zu finden. Sie gaben Vorbeiziehenden die Visitenkarten mit, in der Hoffnung, zufällig einem Verwandten zu begegnen. Denn wie hätten sie sonst auf sich aufmerksam machen sollen? Auf manchen Visitenkarten ist neben den Namen der Konzentrationslager auch noch die Häftlingsnummer angegeben. Für die Besucher der Ausstellung im Gautinger Bosco "Hoffnung trotz allem - Jüdisches Leben in Bayern nach 1945" ist es eine eindringliche Mahnung, dass die Überlebenden neben all dem unermesslichen Leid auch allein und entwurzelt waren.

Die historische Dokumentation basiert auf einer Sammlung von Texttafeln, die der verstorbene Arzt Simon Snopkowski, langjähriger Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 1997 in Kooperation mit kommunalen und staatlichen Archiven zusammengetragen hat. Nach Gauting gebracht hat sie die Gautinger Bürgerin Gerlinde Leib, die sie gemeinsam mit Gemeindearchivarin Regine Hilpert-Greger und Amelie Krause vom Bosco um weiteres Bildmaterial, persönliche Dokumente und einzelne Artefakte aus dem Nachlass von Rafael Katz ergänzt hat.

Simon Snopkowski hat das KZ Groß-Rosen überlebt und war mehrere Jahre im DP-Lager in Landsberg am Lech untergebracht, er studierte Medizin und blieb in Deutschland. "Der kulturelle Austausch mit der nichtjüdischen Umwelt war ihm ein Anliegen", sagt seine Witwe Ilse Ruth Snopkowski bei der Ausstellungseröffnung. Auch Rafael Katz, der im Hospital für lungenkranke "Displaced Persons" (DPs) in Gauting, auf dem jetzigen Gelände der Asklepios Kliniken, gepflegt wurde, hat entschieden, in Gauting zu bleiben. Die Ausstellung erinnert an die Zeit unmittelbar nach dem Krieg, als die Amerikaner Überlebende der KZs, ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in DP-Lagern unterbrachten, ihnen eine Ausbildung oder ein Studium ermöglichten, kulturelles Leben, Kunst, Zeitungen und in Gauting sogar ein eigenes Radio unterstützten. Die vermeintliche Besserstellung und Bevorzugung der DPs hat bei vielen deutschen Nachbarn Neid und sogar Hass hervorgerufen, auch weil die judenfeindliche Ideologie, die der deutschen Bevölkerung seit 1933 systematisch eingehämmert worden war, bei Kriegsende nicht einfach weg war, wie der Historiker Andreas Heusler vom Münchner Stadtarchiv bei der Eröffnung berichtet. Selbst hochrangige Vertreter der Kirche, wie der Abt von Kloster Ettal, hätten die überlebenden Opfer der NS-Diktatur als "ökonomische Schmarotzer" bezeichnet.

Aktueller könnte die Ausstellung also kaum sein: Denn der Antisemitismus geht wieder um in Deutschland, neue Parteien verbreiten fremdenfeindliche Parolen, Übergriffe auf Juden nehmen zu, antisemitische Texte bekommen Preise, wie jüngst bei der Echo-Verleihung. "Hoffen wir, dass rechtsradikale und antisemitische Strömungen nicht weiter um sich greifen und das Erreichte erneut in Frage stellen", sagt Leihgeberin Snobkowski. Viele der Überlebenden wollten nach Palästina, Amerika oder Kanada auswandern, auch Rafael Katz, der das KZ Dachau und den Todesmarsch nur knapp überlebte, stellte Auswanderungsgesuche. Er blieb dann doch und ließ sich mit seiner Frau, die Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt hatte, in der Würmtalgemeinde nieder. Neben einigen Familienfotos ist sein gestreifter Häftlingsmantel, den er beim Todesmarsch trug, in der Ausstellung zu sehen.

Erinnert wird auch an die Berliner Widerstandskämpferin Karin Friedrich, die seit den1950er Jahren als Journalistin in Gauting lebte und im Dezember 2015 starb. Sie ist 2004 im Garten von Yad Vashem, der Holocaustgedenkstätte in Jerusalem, als "Gerechte unter den Völkern" aufgenommen worden.

Die Ausstellung ist noch bis zum 12. Mai zu sehen.
Blanche Mamer, 04.05.2018