Presse

Sa, 21.10.2017
20:00 Uhr
Klassik

Zwischen Seelentiefe und Humoristik

Veranstaltung: 
Debussy, Thuille, Wagner, Strauss, Poulenc
Künstler: 
Berlin Counterpoint
Erschienen in: 
Süddeutsche Zeitung - Starnberg
Das Berlin Couterpoint-Sextett tritt in einer seltenen, aber reizvollen Besetzung in Gauting an.

Es ist eine seltene, doch überaus reizvolle Besetzung, mit der das Ensemble Berlin Counterpoint seit nunmehr zehn Jahren erfolgreich konzertiert. Reizvoll in zweierlei Hinsicht: Mit Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn und Klavier ist es dem Ensemble einerseits möglich, mit orchestraler Fülle einen weiten Tonraum zu erschließen. Andererseits bietet die Besetzung einen üppigen Fundus an farblichen Potenzialen - die es zunächst zu bändigen gilt. Das Berliner Sextett tat es im Bosco mit viel Fingerspitzengefühl, aber vor allem mit großer Musizierlust.Zum Zuge kamen im Programm sehr unterschiedliche Zugriffe auf das instrumentale Material, obgleich in den Bearbeitungen von Orchesterwerken nicht immer glücklich vom Flötisten des Ensembles Aaron Dan arrangiert, wodurch sich die Originalwerke qualitätsmäßig deutlich davon abhoben. Zweifelsohne feierte Berlin Counterpoint mit Poulenc Sextour op. 100 den Höhepunkt des Abends zu dessen Abschluss. Ein humoristisches Originalwerk, in dem das Ensemble die vitalsten Register ihrer Instrumente ziehen konnte. In den 1930er-Jahren entstanden, erlaubt es ein mutiges Zupacken, mit dem die renommierten Musiker auch keck Dissonanzen für schrille Akzente nutzten. Die Rücknahmen und Moll-Trübungen darin offenbarten aber auch eine einfühlsame Seite des spaßigen Komponisten, für die das Ensemble eine wohlaustarierte Klangbalance bereithielt. Diesen Zugriff hatte Ludwig Thuille in seinem Sextett op. 6 vordringlich angestrebt. Seine eher rückgewandte Stilistik suchte die warmen, klangrunden und substanzvollen Eigenschaften der Instrumente, zumal die Reminiszenzen an Brahms darin auf Schönharmonik ausgerichtet sind. An Humor fehlte es der Komposition nicht, den die Musiker allerdings adäquat verhaltener als bei Poulenc zu kultivieren vermochten. Stark zeigte sich das Ensemble vor allem in den romantisch grundierten Rücknahmen. Der an Brahms orientierte Klavierpart brachte indes eine konzertante Note ins Spiel, zumal die türkische Pianistin Zeynep Özsuca gewandt zwischen einfühlsamem Ensemblespiel und solistischer Dominanz zu changieren verstand. Ihr perlendes Leggiero, bisweilen in der Art einer Harfe, trug viel zum impressionistischen Kolorit bei Debussy bei, dessen "Prélude á l'après-midi d'un faune" als die erste Komposition im seinerzeit neuen Still gilt. Dieses allerneuste, in Gauting erstmals gespielte Arrangement von Dan bewies schon ein größeres Gespür für polyfone Wirkungen. Zartes Schillern der Streicher ist bei Bläsern nur bedingt möglich. Doch in der Gesamtwirkung gab das Arrangement die impressionistische Tonmalerei überzeugend wieder. In dieser Ausprägung fiel die Vorstellung sogar leichter, dass Debussys Erlebnis der Musik Wagners in Bayreuth zur Ausprägung des ätherisch-atmosphärischen Stils des Franzosen entscheidend beigetragen hatte. Dem hier gespielten Vorspiel zu "Tristan und Isolde" kann eine kammermusikalische Reduktion von Haus aus wohl kaum in der symphonischen Breite und Seelentiefe Wagners gerecht werden, doch der ausgebreitete orchestrale Satz überzeugte mit einem adäquaten lyrisch-epischen Impetus.

An dieses tiefgründige Werk das Vorspiel zur Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauss Sohn mithilfe einer Klavierkadenz dranzuhängen, war indes ein vermessener Versuch, die beiden Komponisten aufs gleiche Niveau zu stellen.

Das lustvolle Zupacken der jungen Musiker musste aber sein, um zu Poulenc Humoristik überleiten zu können. Zum Glück folgte schließlich ein begeisterter Applaus, denn die Zugabe sollte ein weiterer Höhepunkt werden: Für Manuel de Fallas "El paño moruno" erwies sich das nun leidenschaftlich glühende Klangkolorit des Ensembles als nahezu ideal.
Reinhard Palmer, 24.10.2017