Veranstaltungsinfo

So, 02.07.2017
20.00 Uhr
Kabarett
22,00 / 10,00 €*
* VVK ab 26.11.2016

Philip Simon: Anarchophobie - Die Angst vor Spinnern

Ersatztermin für die entfallene Veranstaltung vom 12.03.2017. Bereits gekauft Karten behalten ihre Gültigkeit.
„Anarchophobie – Die Angst vor Spinnern“ ist ein Showdown ohne Zwangsjacke, aber dafür mit Pistole. Philip Simon betreibt in seinem neuen Programm mentale Sterbehilfe, um sich vor dem intellektuellen Pfandflaschensammeln zu bewahren. Denn auf der Suche nach uns selbst, verlieren wir das Wir. Und wer wissen will, ob wir in einer Solidargemeinschaft leben, muss sich nur mal mit einem Kleinwagen auf die Autobahn trauen.
Der mehrfach preisgekrönte Kabarettist seziert einmal mehr mit großer Spielfreude seine eigenen Gedanken mit dem Skalpell und stellt fest: Die einzigen Visionen, die er noch hat, sind medikamentös bedingt.
Ein gefühlvoller und pointierter Hobbyphilosoph auf der Höhe der Zeit und auf der Suche nach einer Antwort, zu der er selbst nicht mal die Frage kennt. Nur eins ist klar: Yoga ist keine Lösung, Bio macht auch dick und „alternativlos“ bringt 21 Punkte beim Scrabble.
Die neue Show „Anarchophobie – Die Angst vor Spinnern“ von Philip Simon ist eine Rückrufaktion für den gesunden Menschenverstand.

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 

Ein Spinner, das ist laut wictionary eine Person,die unsinnige Gedanken, Vorstellungen hat und diese äußert. Man versteht unter einem Spinner auch einen Außenseiter, einen Eigenbrötler oder Kauz. So einen wie Lubor Fiedler, der 1933 in der damaligen Tschechoslowakei zur Welt kam und sich mit verrückten Erfindungen beschäftigte. So erfand er unter anderem die „In-and-out-Box“, eine Art Doppelschachtel, bei der die innere Schachtel auf magische Weise die äußere in sich bergen kann. „Es sind die Spinner, die Evolutionen möglich machen“, sagt Kabarettist Philip Simon in seinem Programm „Anarchophobie - Die Angst vor Spinnern…“ und erklärt, während er Lubor Fiedlers Schachteltrick wie nebenbei exerziert, dass nur diese Sonderlinge, diese von allen verlachten Außenseiter in der Lage sind, die Freiheit zu bewahren und möglich zu machen - so wie eine inwendige Schachtel, nach außen gekehrt, zum Geschenk werden kann.

Ein solches Geschenk war sein ganzes Programm, dieser letzte Abend der Spielzeit. Ein Abend über Freiheit und ihre Grenzen, über Angst und all das, was Anlass für Angst böte, aber nicht wahrgenommen wird. Die Angst des Pegidisten vor der Islamisierung des Abendlandes, der er mit Parolen Gehör zu verschaffen sucht - in einem Land mit nur wenigen Moscheen neben -zig leeren Kirchen. Die Angst des Gesundheitsapostels vor Vergiftung, der er im Bioladen zu entkommen versucht, zu dem er mit dem Auto gefahren ist und aus dem er eine Biogurke heimkutschiert, die über ihren Transportweg mehr Miles&More-Punkte ansammelt als ein Bundestagsabgeordneter. „Warum gehen wir für schemenhafte Ängste auf die Straße und wehren uns nicht gegen die Fakten?“ fragt Philip Simon und erwähnt wie nebenbei die EU-Kommission für Ernährungsfragen, die von der Zuckerindustrie gegängelt wird: fast alle Lebensmittel enthalten Zucker, und eine Absatzsteigerung ist nur zu erreichen, wenn die EU-Kommission den kontinuierlichen Anstieg des Zuckeranteils abnickt. Die Verfilzung von Industrie und Politik, die Macht der Konzerne über die Behörden ist nicht nur bekannt, sondern jederzeit nachzulesen. Und dennoch macht dies weniger Angst als eine seit Jahrzehnten sich anbahnende und genau durch diese Verfilzung ausgelöste Migrationsbewegung, die von derselben EU in ihrer Gründungsphase prognostiziert und als zu bewältigende Solidaritätsaufgabe sich vorgenommen wurde. Eines Abends, so Philip Simon, schaut ein ungarischer Grenzbeamter mal zufällig über den Zaun und denkt sich: Oh, oh, da steht ja ein Kontinent.

Es ist ein bitterböses, scharfzüngiges und blitzgescheites Programm, das der Kabarettist Simon an diesem Abend im bosco präsentiert. Die vielen unbequemen Wahrheiten schleudert er in sprachlich geschliffenem Stil und oft in atemberaubendem Tempo hinunter in den Saal, dass man ihm ebenso atemlos folgt und am liebsten jeden zweiten Satz in Stein meißeln möchte. Sätze wie „Warum ist die Forderung nach Bildung und Aufklärung etwas, bei dem wir zusammenzucken?“ oder „Wir können uns aus der Verantwortung nicht herauskaufen, auch nicht mit Bulgursalat“. Vor 500 Jahren hat ein Mann Thesen wie diese an eine Tür genagelt und wurde deshalb anschließend zum Flüchtling im eigenen Land. Es ist an der Zeit, den Spinnern zuzuhören. Spinner wie Lubor Fiedler, der wegen seiner Ideen und Erfindungen eingesperrt und später aus dem Land vertrieben wurde. Lubor Fiedler war ein Flüchtling. Aber die Freiheit in der Schachtel hat er über die Grenze gerettet.