Veranstaltungsinfo

Di, 14.02.2017
20.00 Uhr
Schauspiel
28,00 / 15,00 €*
* VVK ab 26.11.2016

Kulunka Teatro Spanien: André & Dorine

Berührendes Maskentheater ohne Worte: Ausgezeichnet mit dem 1. Preis bei den internationanen Theaterfestivals in Birmingham und Havanna
Die spanische Gruppe Kulunka Teatro hat mit „André & Dorine“ ein Theaterstück geschaffen, das ganz ohne Worte und Mimik die anrührende Geschichte eines älteren Paares im Kampf gegen Alzheimer erzählt. André und Dorine nehmen gemeinsam den Kampf gegen das Vergessen auf und versuchen, mit Erinnerungen an frühere Tage und mit viel Liebe und Zuneigung, Dorines Demenz zu verlangsamen.
In Rückblenden lassen sie ihr gemeinsames Leben - und ihe Liebe - wieder aufleben. Mit ausdrucksstarken Masken schlüpfen die drei Darsteller in 15 Rollen und bringen den Zuschauern das Paar einfühlsam und intensiv nahe.
Die Masken erinnern an die bekannte Familie Flöz und wurden in Zusammenarbeit mit ihnen entwickelt. Eine anrührende und poetische Liebesgeschichte des spanischen Kulunka Teatro.

"Ein leiser und zarter, übermütig komischer und todtrauriger Reigen aus Szenen-Miniaturen" SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

"Ein wunderbar schlichtes, kitschfrei gespieltes, tief berührendes Stück." HERNER NACHRICHTEN

Stückdauer: ca. 1,20 Std., keine Pause
Einführung: 19.15 Uhr

Regie IÑAKI RIKARTE
Mit GARBIÑE INSAUSTI, JOSÉ DAULT, EDUARDO CÁRCAMO

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 

„Mit der Krankheit nahm er die Unmöglichkeit, sich geborgen zu fühlen, an den Fußsohlen mit“, schreibt Arno Geiger in seinem Buch über den an Alzheimer erkrankten Vater, „Der alte König in seinem Exil“. Es ist diese Heimatlosigkeit, die zu den tragischsten Aspekten dieser Krankheit gehört. Die Welt ist fremd geworden, der Boden unter den Füßen fort - was bleibt, ist ein unstillbares Heimweh. 

Das Heimweh ist das Bild an der Wand, das Dorine fortnimmt, weil es sein Versprechen eines Zuhauses nicht mehr halten kann. Das Heimweh klingt im hauchdünnen Bogenstrich an, der dem Cello keine Töne mehr entlockt, weil Dorine mit der hölzernen Seite streicht. Verkehrte Welt. In dem fremden Zuhause sind die Türen vertauscht, wird die Einkaufstasche zum Hut und das Gesicht des Ehemanns zur erschreckenden Fratze. Dorine ist im Exil.

„André & Dorine“ von und mit dem Kulunka Teatro aus Spanien ist eine Ballade vom Abschied, ein Maskenspiel von Liebe und Tod. Kein Wort wird an diesem Abend gesprochen, die Geschichte des alten Ehepaares, des früheren Liebespaares erzählt sich in einem Reigen aus Bildern. Die beiden Alten in ihrem gewohnten Alltag, André an der Schreibmaschine, in die er Seite um Seite hackt; Dorine, die ihr Cello bearbeitet, dem Klackklackklack der Schreibmaschinentastatur zum Trotz. Ein Streit unter Eheleuten aus Tastengehämmer und Saitenstreichen. Es klingelt, der Sohn kommt zu Besuch, der Vater will ihm stolz das Manuskript zeigen, die Mutter hat einen rot gemusterten Pulli für ihn gekauft, der Sohn will weder das eine noch das andere und lässt sich vom Blick aufs Handy wieder aus der Wohnung ziehen. Wieder klingelt es, wieder kommt der Sohn zu Besuch, und diesmal hat Dorine das Kittelkleid falsch geknöpft. Beim nächsten Besuch erkennt sie den Sohn nicht mehr. Währenddessen erinnert André sich an die Frau, in die er sich verliebt hat: die berühmte Cellistin, von der er sich ein Autogramm ertrotzt - und weil sein Stift versagt, unterschreibt sie mit ihrem Lippenstift; die freche Dorine, die ihn in seiner Junggesellenbude aufsucht und sich sofort in sein Manuskript verliebt; das Bett mit den Utensilien seines ganzen Lebens, in dem sie ihr Kind zeugen. All das erinnert André, und die Zuschauer sehen es in Rückblenden, die sich in den Szenenreigen einfügen wie kleine Perlen. 

Es braucht keine Worte in diesem Spiel. Den Part der Sprache übernehmen die Masken, übernimmt das Maskenspiel. Sie zeichnen die beiden Alten, ihre tiefen, vom Leben in die Gesichter gegrabenen Falten, die weißen Haare Andrés, die farblosen Strähnen Dorines. In den Rückblende sind es Masken glatter Gesichter und doch eindeutig André und Dorine, es ist ihre freche Stubsnase, seine lange Mähne. Die Geschichte einer Liebe, eines gemeinsamen Lebens. Dorine verliert immer mehr davon, gerät immer tiefer hinein in die Fremde im Innern ihres Kopfes. André ist hilflos, manchmal wütend - seine Gesten kennzeichnen ihn als den am Ufer Zurückbleibenden, während Dorine davontreibt. Ihre Gestik ist die einer vollkommen Machtlosen. Und doch gibt es die raren Momente, in denen diese beiden wieder zueinander finden.

Die Bühne sei der Ort, an dem sich die verschiedenen Künste begegnen, lautet die Philosophie des Kulunka Teatro - und die Masken dienen als Brücke in eine andere Welt, wo eine Poesie des Liebenswerten zuhause ist. „André & Dorine“ erzählt von dieser Poesie und entführt in eine Welt, wo das Erzählen die Geschichte eines Lebens bewahrt und damit zur Heimat werden kann. Für die Dauer eines Bogenstrichs zumindest.