Veranstaltungsinfo

Do, 27.10.2016
20.00 Uhr
Kabarett
20,00 / 10,00 €
Arnulf Rating - Foto: Thomas Räse
Arnulf Rating - Foto: Thomas Räse
Arnulf Rating - Foto: Thomas Räse

Arnulf Rating: RATING AKUT

Das neue Kabarettprogramm von und mit Arnulf Rating

Gleich nebenan findet Arnulf Rating originelle Figuren und Kostümvorschläge aus der Serie „Leben“ live. Der Wahnsinn ist mitten unter uns! Das kann man nicht erfinden. Das muss man sehen. RATING AKUT – erst die Dosis macht das Gift.
 
Üblicherweise nutzen wir heute die Mattscheibe, um uns den Durchblick zu verschaffen. Wenn Arnulf Rating sich allerdings seinen Stapel Zeitungen packt, geht die Karussellfahrt auf dem Medienrummel erst richtig los und man wird schnell schwindelig von dem ganzen Schwindel. Da werden aus Schlagzeilen Schlag für Schlag schlagende Zeilen. Und man kommt aus dem Staunen nicht heraus, was die Journaille so nebenbei alles verzapft, während sie in der Werbeumfeldgestaltung für ihre zahlenden Anzeigenkunden tätig ist.
Wer liest heute noch Zeitungen? Immerhin ist das ein abhörsicheres Medium aus einer Zeit, als noch „Lügen wie gedruckt“ angesagt war. Heute verlöschen die rausgeballerten Botschaften der Medien üblicherweise in den Hirnen von uns Digitaldeppen schneller als die Pixel auf dem Schirm. Und der ist in der Regel so flach wie das, was wir auf dem Schirm haben. Da empfiehlt sich nur noch: Stecker rausziehen. Abschalten. Durchatmen. Einfach mal schauen, was auf der freien Wildbahn so rumläuft. Und mit einem Mal ist die Welt wieder richtig bunt. An jeder Bushaltestelle, an jeder Tankstelle findet Arnulf Rating originelle Figuren- und Kostümvorschläge, die der täglichen Fortsetzung der Serie „Leben“ live entsprungen sind und offenbaren: Der Wahnsinn ist mitten unter uns! Das kann man nicht erfinden. Das muss man sehen. Und wenn man es gesehen hat, erklärt sich der ganze Zirkus wie von selbst. Also: hingehen und gucken. Erleben Sie den großen Blonden mit den roten Schuhen. "Rating akut" – es ist die Dosis, die das Gift macht.

Regie ULRICH WALTER

"Der Rating, der lange Blonde, achten Sie mal auf den, wenn der auftritt, der kann sich vor Extase jedes Nachthemd zerreißen, ich hab sowas noch nicht erlebt! Unglaublich!"
- WOLFGANG NEUSS

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2016

Nach(t)kritik 

Also gut: Um Punkt 22.30 Uhr ist Schluss mit „Kultur“ im bosco, dann kommen nämlich die Quartiermeister für die nächsten Flüchtlinge und bauen hier 200 Feldbetten auf. Arnulf Rating weiß, wie man die Gautinger gleich zu Beginn seines Programms „Akut“ aus ihrer Komfortzone scheucht – immerhin war er als „Schwester Hedwig“ schon mal da, um mit Spritze und Tabletten die schlimmsten Leiden des deutschen Michel zu behandeln. Das nunmehr dritte Gastspiel des Berliners im bosco ist sozusagen die Fortsetzung der früheren Therapieansätze, denn besser geworden scheint es mit Land und Leuten nicht gerade, die Lage hat sich eher noch zugespitzt. Wieder hat Rating den Kompaktkoffer mit ganzen Zeitungsstapeln dabei, wieder macht er „Presse-Schau“ anhand unzähliger dümmlicher „BILD“-Schlagzeilen – und wieder trägt er die roten Lackschuhe des Clowns. Dabei ist es ihm verdammt ernst mit seiner Bestandsaufnahme, selbst wenn er in altbewährter Manier aus dem Trauerbericht zur Lage der Nation sprachliche Funken schlägt: Die sich „professionell presstituierende“ Mainstream-Journaille betreibt demnach nur noch „Anzeigenumfeldgestaltung“, Deutschland ist „ein Billiglohnland auf dem Niveau von Litauen“ und Terror „ein Geschäftsmodell“ - ja, das ahnten wir wohl schon, aber so schön hat das schon länger keiner mehr ausformuliert.

Oder wissen wir etwa schon zu viel? „Wir informieren uns zu Tode“, wandelt Rating den guten alten Neil Postman ab und fordert uns alle mal wieder zum Handeln auf, statt dass wir „Zuschauer“ des allgemeinen Sittenverfalls immer nur fatalistisch nicken. In dieser Hinsicht ist das traditionelles politisches Moral-Kabarett, es unterscheidet sich wohltuend von den Oberflächlichkeiten der Comedy und hebt auch immer mal den Finger. Und was die rettende Schwester nicht zu retten vermag, sollen bei Rating die anderen vier Typen erledigen: Er gönnt sich selber, als „Rating himself“, die langatmigsten Monologe, ohne auf die heutzutage „erwartete Pointendichte“ Rücksicht zu nehmen, die Kollege Sigi Zimmerschied einst bei Fernsehanstalten entdeckt hatte; den weiteren Figuren überlässt Rating die Aufgabe, neoliberales Denken vorzuführen („Guido Groll – dynamisch, flexibel und hoch motiviert“) und dabei wie Schmittchen Schleicher elastische Beinchen schlackern zu lassen, oder er lässt einen Feldbetten-Aufbauhelfer „auf 400 Euro-Basis“ einen Blick von unten auf die Dinge richten. Und dann wäre da noch sein Journalisten-Freund aus besseren gemeinsamen Tagen, der sich einst Preise erschrieb und heute für 72 Cent pro Zeile den „Garten-Teil“ einer Provinz-Gazette befüllen darf....

Arnulf Rating, der Hauptstädter, wappnet sich gegen all das Elend wie immer mit bei-ßendem Spott, zugleich spürt man bei ihm das Leiden an dieser zerbrechenden Welt. Seine Wortwahl ist gerne auch die des kleinen Mannes, der eben nicht zu „Pegida“ übergelaufen ist. Der auf "Wir-sind-das-Volk"-Geblöke mit dem Satz antwortet: "Ich bin Volker!" Der sich in echter Proletarier-Manier mit einer Curry-Wurst und drei Flaschen Pils tröstet und das ironisch als „Vier-Gänge-Menü“ bezeichnet. So einer hat zwingende Argumente statt hohler Phrasen zu bieten und ein Elefanten-Gedächtnis statt Geschichtsvergessenheit im Gepäck. Für den Kabarettbesucher klassischer Prägung ist das noch immer ziemlich unterhaltsam, aber auch ein x-faches Déja-vu, das in der Form ein wenig Patina angesetzt hat – man justiert sich also mal wieder und darf dem Mann mit der hohen Clownsstirn dabei zusehen, wie er in unserer zwangsweise gesamtdeutschen Vita vergebens nach Heilmitteln kramt. So kommt am Ende ein leicht resignativer Tonfall bei Rating zu Stande, den wir seufzend teilen: „Leute, wir brauchen ein paar wirklich Verrückte – wir sehen ja, wohin uns die Normalos gebracht haben!“ Arnulf Rating war schon mal wirksamer, aber das muss nicht unbedingt an ihm liegen.