Veranstaltungsinfo

So, 05.11.2017
20:00 Uhr
Klassik
25,00 / 15,00 €*
* Vorverkauf ab 08.07.2017

Alisa Weilerstein, Violoncello & Inon Barnatan, Klavier: Bach, Brahms, Stravinsky, Mackey

Die gebürtige Amerikanerin erhielt als erste Cellistin nach 30 Jahren einen Exklusivvertrag mit Decca Classics nach ihrem Debüt bei den Berliner Philharmonikern. Sie tritt mit ihrem langjährigen Duo-Partner, dem israelischen Pianisten Inon Barnatan, auf.
ALISIA WEILERSTEIN
"Eine junge Cellistin mit der Fähigkeit zu emotional nachdrücklichen Aufführungen, sowohl mit bekanntem Repertoire als auch mit zeitgenössischer Musik, hat sich in die internationale Aufmerksamkeit konzertiert …” So überschwenglich schrieb die MacArthur Foundation, als Alisa Weilerstein 2011 deren Fellowship gewann. Im Vorjahr erhielt die gebürtige Amerikanerin als erste Cellistin nach 30 Jahren einen Exklusivvertrag mit Decca Classics, nachdem sie im Mai ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern unter Daniel Barenboim mit dem Cellokonzert von Elgar in Berlin und Oxford gab.

Ihre ausdruckvollen Interpretationen und Virtuosität ihres Spiels machen die junge Amerikanerin zu einer der gefragtesten Cellistinnen ihrer Generation. Davon sind nicht nur bisherige Kollegen wie Pablo Heras-Casado, Gustavo Dudamel, Christoph Eschenbach, Paavo Järvi, Zubin Mehta, Matthias Pintscher, Juraj Valcuha, Osmo Vänskä, Semyon Bychkov und Jaap van Zweden überzeugt, sondern Publikum und Presse zugleich: "Durch ihre Gabe sich in ein Stück hineinzuversetzen, scheint sie es immer zu vermögen einem Stück neue Energie und Frische einzuhauchen" New York Times, Dezember 2014.

Ein wichtiger Teil ihrer musikalischen Arbeit ist die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik. In diesem Sinne ist ihr die enge Zusammenarbeit mit Komponisten wie Osvaldo, Lera Auerbach, Joseph Hallman ein großes Anliegen. Die Uraufführung von Matthias Pintschers “Reflections on Narcissus” fand in der Saison 2013-14 bei der Biennale der New York Philharmonic statt. Zudem arbeitet sie regelmäßig mit dem Simón Bolívar Symphony Orchestra und deren “El Sistema” Programm zusammen.

Alisa Weilerstein ist Preisträgerin u.a. des Lincoln Center Martin E. Segal-Preises und des Leonard Bernstein Award. Sie studierte Cello am Cleveland Institute of Music bei Richard Weiss und schloss zudem 2004 ihr Studium der russischen Geschichte an der New Yorker Columbia University ab. Im November 2008 wurde Alisa Weilerstein, bei der im Alter von neun Jahren Diabetes diagnostiziert wurde, Botschafterin der Juvenile Diabetes Research Foundation.

INON BARNATAN
Der israelische Pianist Inon Barnatan wird für seine poetische Sensibilität, musikalische Intelligenz und vollendete Kunstfertigkeit gefeiert. Er ist erster Künstler der Artist-in-Association bei den New Yorker Philharmonikern, wo er als Solist bei Abonnementkonzerten sowie bei Kameraaufführungen auftritt und als Botschafter für das Orchester fungiert.
 
Als Preisträger des Avery Fisher Career Grant Award und des Lincoln Center Martin E. Segal Award hat Barnatan mit vielen bedeutenden Orchestern z. B. aus New York, Cleveland, Los Angeles, Philadelphia und San Francisco, mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem Royal Stockholm Symphony Orchestra, dem Gewandhausorchester Leipzig und der Academy of St. Martin in the Fields sowie mit renommierten Dirigenten wie Gustavo Dudamel, Michael Tilson Thomas, Manfred Honeck, Edo de Waart und Vasily Petrenko konzertiert. Mit seinem Engagement für die zeitgenössische Musik hat der Pianist in den vergangenen Saisons neue Stücke von Matthias Pintscher, Sebastian Currier und Avner Dorman vorgestellt.
 
Außer Einspielungen mit Klavierwerken von Franz Schubert hat Inon Barnatan eine Aufnahme der Cellosonaten von Rachmaninow und Chopin mit seiner ständigen Kammermusikpartnerin Alisa Weilerstein veröffentlicht, die auf beiden Seiten des Atlantiks begeisterte Kritiken erhielt.

19.00 Konzerteinführung durch den Kulturjournalisten Reinhard Palmer

Programm
BACH: Sarabande, aus: Cello Suite Nr. 3, BWV 1009 in C-Dur
BRAHMS: Cello Sonata No. 1 in E minor Op. 38
STRAVINSKY: Suite italienne for cello and piano
MACKEY: Through Your Fingers
BRAHMS: Cello Sonata No. 2 in F major Op. 99

Das ursprünglich geplante Programm musste geändert werden.
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
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2017

Nach(t)kritik 
Die Interpretation der Sarabande aus Bachs 3. Suite für Violoncello solo überraschte etwas, sagt man ihr sonst Pathos und große Gesten nach. Alisa Weilerstein tauchte indes mit zarter Empfindsamkeit weit in die Seelentiefen des Werkes ab. Dieser rhythmisiert dahinfließende Satz klang vielmehr wie ein stilles Gebet, aufrichtig und innig. Und überraschend war es vor allem deshalb, weil zuvor die e-Moll-Sonate op. 38 von Brahms mit feuriger Leidenschaft und lavabrodelnder Erregung weit über sich hinausgewachsen war und mit pathetischen Gesten wucherte.
Durchaus, eine solche Spielweise steckt sicher irgendwo auch in diesem Werk, zumindest als Möglichkeit. In kompromissloser Hingabe und Expressivität gespielt, offenbarte die Sonate eben ihre geheimsten Winkel. Ob immer im Sinne Brahmsens, ist eher fraglich, hatte er das Werk doch für einen Laiencellisten komponiert, also nicht gerade für den großen Konzertsaal als vielmehr für den bürgerlichen Gesellschaftsabend. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass der Fugenschlusssatz in der vom Pianisten Inon Barnatan eingeführten wuchtigen Tektonik so auch gemeint war, hatte offenbar das Übergewicht des Satzes Brahms dazu veranlasst, im Gegenzug auf das bereits komponierte Adagio an zweiter Stelle zu verzichten.
Bei der zweiten Brahmssonate F-Dur op. 99 weiß man durchaus, dass der kraftvolle und energische Zugriff von Brahms intendiert war, schrieb er doch das Werk für den Cellisten des Joseph Joachim Quartetts, Robert Hausmann, dessen Spiel als temperamentvoll, feurig und konzertant überliefert ist. Das Adagio affettuoso, ganz im Spätstil Brahmsens verfasst, geriet dennoch wunderbar lyrisch, sachte entwickelt, im Grunde auch ähnlich dem süßlichen Klangspiel des Trios im dritten Satz.
Das Duo Weilerstein und Barnatan vermochte aber nicht nur Färbungen üppig zu variieren. Es ging auch um extreme Ausprägungen, anders ausgedrückt um große, satte, ja pathetische Momente gegenüber weiten Rücknahmen in empfindsam erspürte Spuren voller Innigkeit und feinster Klangnuancen.
Dieses expressive, extrem präzise Spiel nahm das Publikum sehr gut mit, fesselte und sprach vor allem emotional an. Es haben sich offensichtlich in dem Fall zwei Musiker zusammengefunden, die in diesem Zugriff gänzlich aufgehen. Kein Wunder also, dass in den beiden Zugaben Werke von Manuel de Falla – aus den Canciones Populares Españolas „El Paño Moruno“ und „Polo“ – erklingen sollten. Diese feurigen Lieder haben es in sich und das nötige Material, Weilersteins und Barnatans leidenschaftlichem Temperament freien Lauf zu gewähren, obgleich in scharf geschnittener Rhythmik und klar pointierten Formen.
Ein reichhaltiges Material, das auch Igor Strawinsky auf ganzer Linie entgegen kam. Seine „Suite italienne“ ist schließlich nicht nur ein Extrakt seines Pulcinella-Balletts, sondern beinhaltet eben auch eine Geschichte, die das Duo Weilerstein und Barnatan mit der Inbrunst eines orientalischen Erzählers zu vermitteln vermochte. Nachdem die Musik auf kleinen Stücken aus Pergolesis Zeit basiert, liefert sie auch barock-sinnenfreudige Ansätze, die sich das Duo mit imaginativer Kraft dafür zunutze machte. Man vergaß dabei, dass es im Grunde aber Neue Musik von 1932 war, deren expressive Grundhaltung mit dem barocken Ansatz eine erstaunlich stimmige Symbiose einging.
Im Grunde war dies auch das Thema von Steven Mackey, dessen vor drei Wochen uraufgeführtes „Through your Fingers“ allerdings weit über die tradierten Möglichkeiten hinausging. Hier stand die konkrete, leidenschaftlich ausgespielte erzählerische Ebene einer geräuschhaften, irgendwie unfassbaren, eben durch die Finger gleitenden gegenüber. Letzteres ein Spiel mit Obertönen mittels Flageoletts. Dass Mackey als Komponist wie E-Gitarrist auch in Rock und Jazz zu Hause ist, machte sich vor allem mit Passagen härterer Gangart, Jazzharmonik und immer wieder unterlegten Grooves deutlich bemerkbar.
Alles in Allem ein gehaltvoller Kammermusikabend, für den sich das Publikum mehr als erwärmen konnte.
Pressestimmen 
Cellistin Alisa Weilerstein und Pianist Inon Barnatan reizen im Gautinger Bosco mit heftigen Ausbrüchen und zarter Lyrik die Grenzen des dynamischen Spiels ausVon Reinhard Palmer, GautingWas die öffentliche Wahrnehmung betrifft, hätte man mit einem ungleichen Duo rechnen können. Während der US-amerikanischen Cellistin Alisa Weilerstein ein herausragender Ruf vorauseilt, ist über den israelischen Pianisten Inon Barnatan wenig zu eruieren. Auf der Bühne des Gautinger Bosco erwies sich das Duo dann aber als absolut homogen und ungemein stimmig im Zusammenspiel.

Dabei loteten die zwei Musiker die Extreme aus. Sie boten eine Bandbreite an Gestaltungsmitteln von zartester Empfindsamkeit bis hin zu eruptiven Ausbrüchen, die fast schon den Rahmen des Programms gesprengt hätte, wären da nicht zwei Werke, die auf diese Fülle geradezu angewiesen sind. Zu einem die "Suite italienne", die Strawinsky aus seiner Ballettmusik "Pulcinella" extrahiert hatte. Die Verbindung aus tänzerischen Ausdrucksmitteln und erzählerischer Diktion rechtfertigte zweifelsohne die üppige Vielfalt in der Gestaltung der fünf kontrastreichen Sätze. Ein gewichtiges Argument liefert auch die Entstehungsgeschichte: Sie reicht mit einigen musikalischen Fundstücken aus italienischen Bibliotheken, die auf die Zeit Pergolesis zurückgehen, weit in die Musikgeschichte zurück. Auch das Manuskript "I quattro Pulcinella" nach der "Commedia dell'arte", die der Handlung als Vorlage diente, gab dem Duo viel Material an die Hand, bilderreich zu assoziieren.

Zum anderen erwies sich "Through your Fingers" des US-amerikanischen Komponisten Steven Mackey als ähnlich im Aufbau, auch wenn die Thematik des erst kürzlich uraufgeführten Werkes weniger konkret als philosophischer Art ist. Für Mackey, der von der E-Gitarre in Jazz und Rock herkommt, ist das kein Grund, auf entschiedene, handfeste Bilder zu verzichten. Und Alisa Weilerstein und Inon Barnatan verfügten über die Sicherheit, diese Grenzgänge zwischen visionären Klangeffekten und leidenschaftlich-konzertanten Ausbrüchen entsprechend zielgerichtet auszutarieren.

Bei den beiden Cellosonaten von Brahms setzte das Duo auf einheitlichen Zugriff: konzertantes Temperament, Leidenschaft, brodelnde Spannung. Obwohl beide Stücke unterschiedlichen Umständen und Vorgaben entsprungen waren, ging das Duo schon die erste Sonate, die Brahms zwischen 1862 und 1865 in rückgewandter Stilistik komponiert hatte, mit mächtig viel Kraft an. Doch diese Sonate e-Moll op. 38 war einem Laien gewidmet, würde also auch weniger temperamentvollen Impetus vertragen. Der Schlusssatz mit dem Contrapunctus XIII aus Bachs Kunst der Fuge kam enorm pathetisch und auf große Wirkung ausgerichtet daher. Alles Vorangegangene duckte sich im Schatten dieses prägenden Finales, das freilich von Brahms auch durchaus groß gedacht war. So erkläre sich der Verzicht auf das ursprünglich an zweiter Stelle stehende Adagio, so die Überlieferung.

In der zweiten Sonate F-Dur op. 99 von Brahms war der energetische Zugriff genau richtig. Die reife Komposition ist dem Cellisten des Joseph Joachim Trios gewidmet, Robert Hausmann, der mit seinem kraftvollen, ja wuchtigen Spiel Bekanntheit erlangte. Weilerstein und Barnatan spiegelten die Formklarheit mit Transparenz wider, sogar im Geflecht feiner Differenzierung. Das Andante betörte so mit empfindsamem Gesang, dem Pizzicato-Bässe am Cello Spannung gaben. Eine sinnvolle Entscheidung war es auch, den harmlosen Schlusssatz ans f-Moll-Scherzo, das wie ein vorgezogenes Finale wirkt, quasi attacca als Nachsatz anzuhängen. Dazwischen hielt Weilerstein eine Überraschung parat: Die zum Gedenken an den ehemaligen Klassikforum-Leiter Rainer A. Köhler interpretierte Sarabande aus der Suite für Violoncello solo in C-Dur (BWV 1009) wird in der Regel temperamentvoll und kraftgeladen gespielt. Doch Weilerstein ging ganz auf die barocke Sinnlichkeit ein und ließ berührende Zartheit walten. Schlussovationen und zwei Zugaben von de Falla.