Veranstaltungsinfo

Sa, 17.12.2016
19.30 Uhr
Klassik
28,00 / 15,00 €

Dina Ugorskaja: BACH Das wohltemperierte Klavier & BEETHOVEN op. 111

"...Muss man gehört haben? Ja, mehr noch: Muss man erlebt haben."
Deutschlandradio Kultur  09.09.16

"Eine außerordentliche Pianistin, deren tiefe Ernsthaftigkeit sie vor Veräußerlichungen sicher bewahrt, zu denen ihre virtuosen Möglichkeiten wohl Anlaß geben konnten!"
(Peter Gülke über Dina Ugorskaja)

18:30 Uhr Konzerteinführung durch den Kulturjournalisten Reinhard Palmer

Programm
BACH aus beiden Bänden des Wohltemperierten Klaviers:
1. C-Dur Band I BWV 846
2. c-moll Band II BWV 871
3. Es-Dur Band I BWV 852
4. dis-moll Band II BWV 877
5. G-Dur Band II BWV  884
6. a-moll Band II BWV 889
7. D-Dur Band II BWV 874
8. h-moll Band I BWV 869
***
BEETHOVEN  Klaviersonate Nr. 32 in c-Moll, op. 111

„Was soll da noch kommen?" war in der Presse zu lesen, nachdem Dina Ugorskaja ihre CD mit zwei späten Klaviersonaten von Beethoven („Hammerklaviersonate“ op. 106 und die Sonate op. 111 - erschien bei Cavi-Music) veröffentlicht hatte. „Heiliger Gesang“ titelte Eleonore Büning in der FAZ und fügte hinzu: „…spieltechnisch atemraubend. Und keine Spur von Manierismus oder Willkür... Sie weiß eine erstaunliche Kraft mit zärtlicher Wärme zu vereinen, souverän jedes Detail gestaltend, erzählt sie zugleich immer die ganze Geschichte“. Ihre nächste CD im März 2014 mit weiteren späten Beethoven-Sonaten, erschienen, wurde gleich für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert. Die weiteren Einspielungen umfassen Werke von Händel bis hin zu Schostakowitsch, darunter auch eine gemeinsame Aufnahme mit Anatol Ugorski mit den Doppelkonzerten von Bach und Mozart.
Die Konzertengagements führten Dina Ugorskaja zu verschiedenen Festivals wie den Schwetzinger Festspielen, den Sommerlichen Tagen Hitzacker, dem Festival de Musique Dijon, der Schubertiade Feldkirch und den Kasseler Musiktagen. Sie konzertierte in Bayreuth, Leipzig (Gewandhaus), Bielefeld (Oetkerhalle), Stuttgart (Liederhalle) und in der Kölner Philharmonie sowie beim Radio France Musique in Paris und Sala Verdi in Mailand. Sie musizierte dabei u.a. mit dem Orchester des Mitteldeutschen Rundfunks, dem Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim, den Brandenburger Symphonikern und der Nordwestdeutschen Philharmonie, dem Lemberg Philharmonia Orchester (Ukraine), dem St. Petersburg State Symphony Orchestra (Russland) und Dogma Chamber Orchestra unter Dirigenten wie Wladimir Jurowski, Ravil Martynov, Vladislav Czarnecki, Norichika Limori und Peter Gülke. Zu ihren Kammermusikpartnern zählen u.a. das Auryn-Quartett, Hans Dietrich Klaus, Sergio Azzolini und Natalia Prischepenko. 
„Philosophin am Klavier“ wurde Dina Ugorskaja einst genannt. Ihrem Spiel werden tiefe Ernsthaftigkeit, Sensibilität, hohe Anschlagkultur und virtuose Fähigkeiten, die stets im Dienste der Musik stehen, attestiert.
Dina Ugorskaja, 1973 im damaligen Leningrad als Tochter einer Künstlerfamilie jüdischer Herkunft geboren, erfuhr bereits seit frühester Kindheit eine starke musikalische Prägung: Bei ihrem Vater, dem berühmten Pianisten Anatol Ugorski, erhielt sie ihren ersten und entscheidenden Klavierunterricht, die Mutter Maja Elik, war angesehene Musikwissenschaftlerin, Sängerin und Malerin. Mit sieben Jahren trat Dina Ugorskaja erstmals öffentlich auf, mit 14 führte sie mit Orchester das 4. Klavierkonzert von Beethoven auf und mit 15 die 8. Sonate von S. Prokofiev.
Nicht zuletzt ist Dina Ugorskajas Herangehensweise an die Musik von den Erfahrungen ihres früheren Kompositionsstudiums geprägt. Auf der einen Seite die Rezeption des Notentextes, stilistische Kenntnisse, analytisches Durchdringen der Materie, auf der anderen Kreativität und Spontanität – diese Eigenschaften konnten sich durch eigenes Komponieren verstärkt herausbilden. Das mit 15 Jahren komponierte Streichquartett wurde 1989 in der Leningrader Philharmonie uraufgeführt.
1990 flüchtete die in der ehemaligen Sowjetunion antisemitischen Bedrohungen ausgesetzte Familie nach Berlin, wo Dina Ugorskaja, wie später auch in Detmold, im Fach Klavier bei Galina Iwanzowa und Nerine Barrett (einstige Schülerin Rudolf Serkins) studierte. Weitere wichtige Impulse erhielt sie u.a. von Edith Picht-Axenfeld und András Schiff. Nach dem Konzertexamen unterrichtete sie selbst an der Hochschule für Musik Detmold, wo sie 2006 auch das Festival „DSCH_100“ zum 100. Geburtstag von Dmitri Schostakowitsch organisierte, an dem u.a. Natalia Gutmann, Elisso Wirssaladze, Markus Hinterhäuser und das Auryn-Quartett teilnahmen. 

Seit 2007 lebt Dina Ugorskaja in München.
Neben der Konzerttätigkeit engagiert sich die Pianistin auch für die musikalische Nachwuchsförderung, sowie für den Erhalt des Interesses an der klassischen Musik im Rahmen des Projektes „Rhapsody in School“.
2015 spielte Dina Ugorskaja beide Bände des Wohltemperierten Klaviers von J. S. Bach beim Bayerischen Rundfunk ein. Anfang September 2016 erschien die Koproduktion als CD bei Cavi-Music.  

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2016

Nach(t)kritik 
Es war schon ein apartes Gesamtkonzept, das die Pianistin Dina Ugorskaja im bosco vorlegte. Mit Bachs Wohltemperiertem Klavier (Auswahl) und Beethovens letzter Klaviersonate op. 111 auf eine recht enge Verbindung zwischen den beiden großen Komponisten hinzuweisen, ist damit allerdings nicht gemeint. Ganz im Gegenteil: Viel zu selten wird die Beziehung in zeitlicher Distanz zwischen Bach und Beethoven explizit beleuchtet. Dabei könnte man im Grunde Bach als den besten Lehrer Beethovens bezeichnen. Natürlich post mortem auf dem Umweg über Beethovens Lehrmeister Johann Georg Albrechtsberger, der anhand von Bach‘schen Kompositionen Kontrapunktik lehrte und seinen noch suchenden Schüler auf eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration aufmerksam machte. „Immer, wenn ich beim Komponieren ins Stocken geriet, nahm ich mir das Wohltemperierte Klavier hervor, und sogleich sprossen mir wieder neue Ideen“, bestätigte Beethoven auch selbst.
Als apart soll hier vielmehr die Interpretationsweise der russischen Pianistin verstanden werden. Während Beethovens Sonate op. 111 in ihrer vollen expressiven Kraft erklang und – erfüllt von enormer Energie – für einen bleibenden Eindruck sorgte, erwies sich die Auswahl von acht Präludien und Fugen aus beiden Bänden des Wohltemperierten Klaviers Bachs als eine große Herausforderung. Sowohl für die Interpretin als auch für die Zuhörer. Auf Seiten der Interpretin nicht etwa aufgrund der hohen technischen Anforderungen. Ganz im Gegenteil: Ugorskajas Fingertechnik ist geradezu perfekt und überraschte mit enormer Wucht im Anschlag, die in Beethovens Sonate immer wieder mit Substanz für flutende, dramatische Passagen sorgte. Als Herausforderung empfand man eher die Zurückhaltung im Wohltemperierten Klavier. Ugorskaja suchte eine neue Perspektive auf den Zyklus und fand eine vergeistigte Ebene, die der Pianistin die Gelegenheit gab, weit in die Seelenuntiefen herabzusinken. Sie blendete den kirchenmusikalischen Hintergrund Bachs aus und fokussierte stark die Transparenz in den Linien- und Themenverläufen auf rein pianistische Weise. In diesem Fortspinnen der Gedanken und Empfindungen in barocker Innigkeit gelangte Ugorskaja auf eine überaus meditative Ebene. Doch soll dies nicht bedeuten, dass hier alles gleichförmig hinplätscherte. Überhaupt nicht. Ugorskaja entwickelte ein enormes Spektrum an anschlagstechnischen Finessen, die es ihr erlaubten, die Transparenz bis ins Detail agogisch auszudifferenzieren. Doch die Ausdrucksbreite bewegte sich in einem sehr engen Bereich, erlaubte sich keine dramatischen Erhebungen, deutete sie allenfalls an, scheute sogar allzu engmaschige Verdichtungen.Auf diese Weise eine Stunde lang die Spannung zu halten, war schon gewiss eine enorm kräftezerrende Angelegenheit, die man der schmächtigen Ugorskaja zunächst kaum zugemutet hätte. Doch das sollte sich mit Beethovens Sonate schnell ändern, ist die Pianistin doch in der Lage, Beethovens monumentalem Spätwerk op. 111 mit absolut sicherer Tektonik mittels gewaltiger Steinblöcke einen Sockel zu errichten. Ganz besonders im Kopfsatz und seiner expressiv rhythmisierten Einleitung. Mit der Arietta und ihren Veränderungen griff Ugorskaja zu einer Gegenüberstellung zwischen nach innen gekehrter, meditativ-sanglicher Spielweise in Bachs Manier und der wuchtig-monumentalen Größe des reifen Beethovens. Ein aufschlussreicher Blickwinkel, dem lang anhaltender Applaus zuteilwurde.