Veranstaltungsinfo

Do, 23.03.2017
20.00 Uhr
Klassik
25,00 / 15,00 €*
* VVK ab 26.11.2016

Yulianna Avdeeva, Klavier: Beethoven & Liszt

She’s able to „let the music breathe“. FINANCIAL TIMES 2011

Mit dem Gewinn des prestigeträchtigen Internationalen Chopin-Wettbewerbs wurde 2010 das Jahr des internationalen Durchbruchs für Yulianna Avdeeva und ebnete ihr den Weg zu ihrer heutigen Weltklasse-Karriere. Dank ihrer außerordentlichen künstlerischen Präsenz und ihres vollendeten musikalischen Könnens behauptet sie einen souveränen Spitzenplatz in der Musikszene ihrer Generation.

19.00 Konzerteinführung durch Reinhard Palmer

Programm:
BEETHOVEN Klaviersonate Nr. 27 in e-Moll, op. 90
BEETHOVEN 32 Variationen über ein eigenes Thema in c-Moll, Woo. 80
BEETHOVEN Klaviersonate Nr. 26 in Es-Dur, op. 81a „Les Adieux“
LISZT Die Trauer-Gondel (La lugubre gondola)
LISZT Unstern! Sinistre, disastro, für Klavier S 208
LISZT R.W. Venezia S 201
LISZT Klaviersonate in h-Moll S 178

Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017

Nach(t)kritik 
Die beiden Giganten der Klavierliteratur, Beethoven und Liszt, sich an einem Abend mit einem derart anspruchsvollen Repertoire vorzunehmen, zeugt im Grunde von jugendlichem Übermut. Bei Yulianna Avdeeva trifft es aber wohl kaum zu, denn selbst nach dem dritten Teil, den zwei ausgedehnten Chopin-Zugaben (Nocturne cis-Moll op. posth, und Polonaise As-Dur op. 53), zeigte die junge Pianistin keinerlei Ermüdungserscheinungen. Das lag wohl nicht nur an der großartigen Technik Avdeevas und ihrer energiegeladenen Konstitution, sondern auch an ihrer Effektivität im Einsatz der Ressourcen, die sich schon durchaus einem männlichen Zugriff ebenbürtig zeigte. Ihr entschiedener Gang zum Flügel kündigte im Grunde schon an, was hier im ausverkauften bosco-Saal folgen würde.
Avdeeva eroberte das Publikum denn auch im Sturm, was vor allem daher kam, dass sie jeder Satzbezeichnung ein Noch-mehr-Davon drauflegte, was sich letztendlich in starker, kontrastreicher Expressivität äußerte. Die zarten Momente Beethovens Les-Adieux-Sonate hätte nicht leiser, fragiler kommen, die Grandioso-Momente Liszts h-Moll-Sonate indes auch kaum imposanter erklingen können. Avdeevas spieltechnische Gewandtheit gab ihr ein schier endloses Spektrum an Möglichkeiten der Differenzierung an die Hand. Und sie nutzte es und genoss es in vollen Zügen. Anschlagstechnisch schöpfte die Russin aus dem Vollen. Doch ihre Hände galoppierten ihr nicht selten davon und ließen die Empfindungen Avdeevas weit hinter sich. Es schien bisweilen so, als beobachte sie selbst, was da ihre Hände für wunderliche Dinge tun.
Das soll allerdings keinesfalls heißen, sie hätte nicht hingebungsvoll und engagiert gespielt. Ganz im Gegenteil. Insbesondere in den drei düsteren Werken Liszts – „La lugubre gondola“, „R.W. Venezia“ (in Memoriam Richard Wagner) und „Unstern!“ – zeigte Avdeeva Tiefgang im Ausdruck und eine Meisterschaft, selbst den monotonsten Passagen dramaturgische Entwicklungen zu entlocken. Doch Avdeeva wahrte eine gewisse Distanz und behielt lieber die Übersicht aus großer Höhe anstatt sich mit Leidenschaft der Musik hinzugeben. Sie zog es zudem vor, den Blick aufs Ganze zu richten und sich nicht von Details in Beschlag nehmen zu lassen.
Ein solcher Blick von weit oben hatte aber auch eindeutige Vorteile, vor allem in den beiden Beethoven-Sonaten, Nr. 26 Es-Dur, op. 81a „Les Adieux“ sowie Nr. 27 e-Moll, op. 90, sind sie doch in der Art einer Fantasie entwickelt, charakterisiert von einem organischen emporwachsen und hervorgehen. Dabei erwies sich Avdeevas Klarheit und Transparenz im Spiel als extrem wichtig, blieb doch die weite Entwicklung absolut schlüssig und überzeugte gänzlich im organischen Aufbau. Sparsam im Pedaleinsatz blieb auch alles exakt konturiert ohne Verwässerung und Verschleifung jeglicher Art.Mit perlender Pianistik ging Avdeeva auch an die 32 Variationen über ein eigenes Thema c-Moll, WoO. 80 Beethovens heran und machte jede der Variationen zu einem Charakterstück von stark ausgeprägter Eigenheit. Das Chaconne-Thema mit der absteigenden chromatischen Linie lud im Kontrast dazu zu fahrigen Antworten der Variationen ein. Avdeeva zog hier auch alle Register pianistischen Könnens, die brillanten Variationen der jeweiligen Charakteristik adäquat zu formen, bis hin zu überaus orchestralen Varianten, für die es der Pianistin auch nicht an Kraft fehlte. Und das imponierte dem bosco-Publikum, das dafür lang anhaltende Ovationen spendete.
Pressestimmen 
Die russische Pianistin Yulianna Avdeeva nimmt das Publikum bei ihrem Soloabend im Gautinger Bosco mit auf eine aufregende Berg- und Talfahrt der Emotionen

Gauting - Am Ende gab es Ovationen, und da überraschte es dann doch ein wenig, wie sehr diese Pianistin das Publikum emotional mitzureißen vermochte. Denn Yulianna Avdeeva ist nicht der Typ, der freizügig aus sich herausgeht und mit seinem Innersten wuchert. Die Verwunderung galt keinesfalls dem pianistischen Können, gab Avdeeva im Gautinger Bosco doch spieltechnisch eine grandiose Vorstellung anschlagstechnischer Vielfalt und Perfektion. Ihr Auftreten zeigte Sicherheit, und nicht im Geringsten ist an ihrer Hingabe und Bereitschaft zu zweifeln, gänzlich in die Musik einzutauchen.

Gerade die spieltechnische Meisterschaft machte es der Russin möglich, sich selbst bei der Feinarbeit gänzlich auf den Ausdruck zu konzentrieren. Avdeeva vermochte die virtuosesten Passagen ohne sichtbare Anstrengung zu meistern, quasi als Beobachterin des Geschehens, die Wichtigeres zu tun hatte, als sich mit dem Handwerk ihrer Hände zu beschäftigen. Das begeisterte, auch wenn diese Überlegenheit eine gewisse Distanziertheit zumindest suggerierte. In der h-Moll-Sonate Liszts beeindruckte die Spielweise aus der Fingerkraft heraus umso mehr, als gerade darin der Schlüssel zur Interpretation aus einem Guss lag - unter einem weiten Spannungsbogen zwischen zart sinnierender Lyrik und einem Gänsehaut-Grandioso in den orchestralen Höhepunkten.

Das war im Grunde auch das Thema des so umfangreichen wie anspruchsvollen Klavierabends: Das Hervorgehen, Sich-Entwickeln im Sinne einer Fantasie oder sinfonischen Dichtung, ganz gleich, mit welcher Gattungsbezeichnung als Vorwand. Tatsächlich hatte Beethoven seine beiden bevorzugten Gattungen, die Sonate und den Variationszyklus, teilweise so behandelt und ihnen damit weit über seine Zeit hinaus ein Eigenleben gegeben.

Avdeeva erkannte die Gratwanderung, Beethoven nicht als Romantiker erklingen zu lassen, doch gerade seine programmatische Sonate Es-Dur op. 81a "Les Adieux" auch entsprechend aussagekräftig zu gestalten. In dieses Dilemma bringt Beethoven die Interpreten auch in seiner Sonate e-Moll op. 90, sind doch die auf Schumann vorausweisenden deutschen Satzbezeichnungen als exakte Spielanweisungen der Romantik näher als der Wiener Klassik. Avdeevas Zurückhaltung in Dynamik und Agogik sowie Pedaleinsatz, nicht so in der anschlagstechnischen Differenzierung, brachte hier viel Energie hervor, aber auch eine spezifische Klangsubstanz, die Beethoven absolut gerecht wurde. Und das galt zweifelsohne auch für die 32 Variationen über ein eigenes Thema in c-Moll WoO 80, verleitet doch der improvisatorische Impetus der jeweils achttaktigen Improvisationen schnell mal zu unzeitgemäßer Freizügigkeit der Gestaltung. Avdeeva blieb bei der pianistisch perlenden Feinsinnigkeit im Anschlag, nutzte ihre technische Stärke, sie weiten Zusammenhängen unterzuordnen - und das Publikum auf eine aufwühlende Berg- und Talfahrt der Emotionen mitzunehmen.

Eine Herausforderung der besonderen Art stellen Liszts späte Werke dar, die einerseits mit dem Tod konfrontiert, andererseits stilistisch zukunftsgerichtet sind. "La lugubre gondola" ist der Faszination Liszts für die Beerdigungsgondeln entsprungen, denen er bei seinem letzten Treffen mit seinem Schwiegersohn Richard Wagner in Venedig mit Vorliebe nachblickte. Als Vorahnung eines Todes, der kurz darauf Wagner ereilen sollte, wie Liszt später mutmaßte.

Düster auch das Epitaph für Wagner als "R.W. Venezia" mit wagnerschen Fanfaren im Zentrum als Höhepunkt einer monumentalen Gestalt. Kurz vor seinem eigenen Tod dann das Werk "Unstern!" in rätselhafte Trostlosigkeit, wohl während seines letzten Besuchs bei Tochter Cosima in Bayreuth komponiert. Werke, die reiner Ausdruck sind, die Ausdruck nicht aus tonalen Formeln und Gesten schöpfen, sondern bei aller vordergründiger Kargheit aus einer inneren Kraft, die Yulianna Avdeeva aus sich heraus mächtig eindrucksvoll wirken ließ.

Und selbst nach den zwei ausgedehnten Chopin-Zugaben - Nocturne cis-Moll op. posth und Polonaise As-Dur op. 53 - konnte von Erschöpfung noch lange nicht die Rede sein.