Veranstaltungsinfo

Sa, 05.05.2018
20.00 Uhr
Heimspiel
20,00 / 10,00 €*
* Vorverkauf ab 25.11.2017

Halina Bertram, Klavier: Brahms, Beethoven, Janáček, Schumann

Wie unterschiedlich man vom Thema „Abschied“ musikalisch inspiriert werden kann, zeigt in ihrem Programm die Gautinger Pianistin Halina Bertram.
Eine Fülle von Empfindungen in einem der letzten Klavierzyklen von Brahms; reine Programmmusik bei Beethoven, seinem Schüler Erzherzog Rudolph gewidmet und angeregt von seiner durch Kriegsereignisse verursachten längeren Abwesenheit von Wien; ein musikalisches Denkmal für einen jungen ermordeten tschechischen Arbeiter bei Janáček oder die melancholische Stimmung und tiefe Klage um Clara bei Schumann.

1971 in Prag geboren, studierte Halina Bertram am Prager Konservatorium bei Valentina Kamenikova und wechselte 1990 zu Karl-Heinz Kämmerling an die Hochschule für Musik und Theater in Hannover, wo sie ihren Diplomabschluss machte. Ihre Studien vervollständigte sie bei Gitti Pirner in München. 1985 gewann sie 1. Preise beim „Concertino Praga“ und „Virtuosi per musica di pianoforte“, 1986 beim „Smetana-Wettbewerb“ und 1987 den 2. Preis sowie den „Hindemith- Preis“ beim „Europäischen Musikpreis“ in Frankfurt/M. 2003 folgte der Günther-Klinge-Kulturpreis der Gemeinde Gauting.

Programm:
BRAHMS Sechs Klavierstücke op. 118
BEETHOVEN Sonate Es-Dur op. 81a „Les adieux“
JANÁČEK Sonate 1.X.1905
SCHUMANN Fantasie C-Dur op. 17
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
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2018

Nach(t)kritik 
Klavierabende sind per se schon sehr intensive künstlerische Ereignisse, wie es im Grunde alle solistische Auftritte sind. Für die in Gauting lebende Pianistin Halina Bertram gilt dies aber ganz besonders, zeugen doch ihre Konzertprogramme stets vom Ansinnen, sich das Leben nicht gerade leicht machen zu wollen. Wobei der Schwierigkeitsgrad nicht unbedingt nur den spieltechnischen Aspekt betrifft, vielmehr auf die in der Musik so schwer fassbare Komponenten abzielt wie Ausdrucksrhetorik, Spannungsaufbau, gedankliche Konsistenz, inhaltliche Aussagen etc. Die Schwierigkeiten auf diesen Ebenen scheinen Bertram besonders zu reizen, doch nicht etwa, um diese Komplexität zu demonstrieren, als vielmehr um Interpretationen zu liefern, die so wirken, als wäre alles in diesen Kompositionen klar und selbstverständlich.
Gerade die spieltechnische Meisterschaft der aus Prag stammenden Pianistin täuschte leicht über die interpretatorische Klippen hinweg. Und dies gleich mit dem ersten Werk, den „Sechs Klavierstücken“ op. 118 von Brahms, die mit ihren Bezeichnungen als Intermezzi, Ballade und Romanze ihre Gewichtigkeit zu leugnen versuchen. De facto hat Brahms im Alter von rund 60 Jahren in diesen sechs motivisch zusammenhängenden Stücken seine ganze pianistische Trickkiste verborgen, die Bertram auch mit großer Sorgfalt und Einfühlsamkeit in der Differenzierung auspackte – und vor allem mit einem ausgeprägten Sinn für Klang und seine Reize ausformte. Sie versteht sich darauf, schlüssige Spannungsbögen zu ziehen und selbst noch so heterogene Abfolgen einer klaren und treffenden Dramaturgie zu unterziehen. Das war vielleicht in Beethovens Les-Adieux-Sonate op. 81a weniger kompliziert, ist dieses Werk mit seinem programmatischen Hintergrund leichter zu verstehen. Aber auch diese Sonate stellt schon enorme Anforderungen an die Interpreten, beginnend gleich mit einer freien Intro, die für den gesamten Spannungsbogen von geradezu entscheidenden Bedeutung ist. Bertram weißt so etwas und liefert an solchen Stellen klare und entschiedene Lösungen, die ihr viel Gestaltungsspielraum eröffnen.
Letzteres war in Janáčeks „Sonate 1.X.1905“ geradezu von fundamentaler Bedeutung, sind doch die erhaltenen Sätze „Die Vorahnung“ und „Der Tod“ von gewichtiger Charakteristik. Aufgewühlt und visionär beginnend, durchlief Bertram ein weites Spektrum zwischen wehmütiger Zartheit und verzweifeltem Hineinstürzen in die musikalischen Fluten einmal mehr mit klarer Dramaturgie, die der gesellschaftspolitischen Dimension des Werkes zum Gedenken an einen bei Demonstrationen in Brno ermordeten Arbeiter mit einer gewissen Sachlichkeit gänzlich gerecht wurde. Der Geschichte folgend mit einem tragischen Ausgang als einem sinnierend-erzählenden Epilog.
Bei Beethoven gibt es hingegen ein Happy-end in der Rückkehr des Erzherzogs Rudolf, der zuvor mit der ganzen kaiserlichen Familie vor den napoleonischen Truppen fliehen musste. Nach einem emotional bewegten Lebewohl, einer innig ausgesungenen Abwesenheit gab Bertram das Wiedersehensglück mit einer freudigen Euphorie in perlender Pianistik gegenüber zarten, lyrischen Moll-Passagen.
So klar ausgeprägte Aussagen verbarg auch Schumann in seiner Fantasie C-Dur op. 17. Doch um wie viel komplexer strukturiert! Die Angst, seine geliebte Clara verloren zu haben, trieb den 26Jährigen um. Auch er zog alle Register der Ausdrucksdifferenzierung, um immer wieder mit zarter Liebe und sattem Auflehnen aus den verzweifelten Fluten aufzutauchen. Im Kontrast erschien der zweite Satz geradezu euphorisch mit überraschenden Wendungen zu diversen Charakteren. Weit überraschender war aber das Finale, das Bertram mit einer empfindsamen thematischen Linie über einem seelentiefen Wogen auf eine weite Reise mitnahm. Bertram tauchte alles in sinnierende Leichtigkeit und verlieh dem Satz eine gewisse Magie, der trotz lang anhaltenden, frenetischen Applauses keine Zugabe folgen durfte.
Pressestimmen 
Für ihren "Heimspiel"-Klavierabend im Bosco hat Halina Bertram ein besonderes Programm zusammengestellt: nicht unbedingt große, spektakuläre, und schon gar nicht populäre Werke. Vielmehr solche, die ihrer Vorliebe für knifflige Nuancierung entgegenkommen, wie sie vor allem im 19. Jahrhundert üppig Anwendung fand. Brahms machte seine späten "Sechs Klavierstücke" op. 118 zu einem Paradebeispiel dieser reichhaltigen Rhetorik. Im Grunde dreht sich in den vier Intermezzi, einer Ballade und einer Romanze alles um ein kleines Motiv, das die Stücke inhaltlich zusammenhält. Bertram verstand es dabei, die dichte Einheit zu wahren und reich zu differenzieren, dank ihrer spieltechnischen Perfektion in überaus treffsicherer und klangsinnlicher Weise. Sie ist eine entschiedene Interpretin, die selbst bei vielfältigem Changieren nie den Faden verliert und in den verworrensten Passagen für Klarheit und Transparenz sorgt.

Bertrams Spiel ist niemals steril. Die aus Prag stammende Musikerin schöpft vor allem aus einer ausgeprägten Vorstellungskraft, was Ausdruck, Erzählweise, Bildhaftigkeit und Klanggestaltung betrifft. Für Beethovens Les-Adieux-Sonate Es-Dur op. 81a bedeutete dies eine überaus ausdrucksstarke Narration, geführt durch aussagekräftige Stimmungsbilder ohne die klassische Strenge aufzuweichen. Der Weg von der sinnierenden Ungewissheit des "Lebewohls" über eine wehmütig umsungene "Abwesenheit" kulminierte in einem euphorischen "Wiedersehen"-Feuerwerk mit luftig trillerflirrender Erleichterung.

Diese klare Vorstellung vermochte Bertram auch in Janáčeks rätselhafter "Sonate 1.X.1905" zu vermitteln, die mit den Sätzen "Die Vorahnung" und "Der Tod" an den Tod eines Arbeiters bei Demonstrationen in Brno erinnert. Freilich kamen hier weniger bildhafte als emotionale Vorstellungen zum Zuge - wie sie auch Schumann im Bangen darum, seine geliebte Clara durch ihres Vaters Ablehnung verloren zu haben, in seiner Fantasie C-Dur op. 17 in Klangstimmungen Gestalt annehmen ließ. Als eine Art In Memoriam an Beethoven gedacht, durchwirkte das Gedenken an den Kollegen Schumanns eigenes Unglück auf entsprechend ambivalente Weise. Diese Verquickung erwies sich für Bertram als reizvoll und sie entwirrte die Bedeutungsebenen mit pianistischer Gewandtheit in präzise detaillierter Seelenarbeit. Ganz zur Begeisterung des zahlreichen, lang applaudierenden Publikums.